Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

NI

behaupten  können.  Diese  Selbstbehauptung  der  jungen  Mädchen
ist  aber  in  erster  Linie  durch  ein  festes  Wurzeln  in  unaufgelösten,
sich  ökonomisch  über  Wasser  haltenden  Familien  bedingt.  Junge
Mädchen,  die  in  zerstörten  oder  moralisch  brüchigen  Familien  heranwachsen, ­
  weisen  durchweg  die  klaffcndsten  Lücken  in  ihrer  moralischen
und  geistigen  Erziehung  auf.
Die  „Verlorene",  die  ihren  ergreifenden  Lebensroman  in  dem
„Tagebuch  einer  Verlorenen"  niedergelegt  hat,  entbehrt  schon  früh
des  sorgenden  Mutterauges  und  wächst  -  in  einer  von  schwüler
Haremsluft  gesättigten  Häuslichkeit  auf.  Vor  ihren  Kinderaugen
stellt  ihr  Vater  in  unverschämtester  Weise  den  Dienstmädchen  und
Aufwärterinnen  nach.
Gar  zu  häufig  straucheln  die  Mädchen  brüchiger  Ehen,  beöor
sie  in  das  eigentliche  Stadium  der  regelmäßigen  beruflichen  Arbeit
treten.  Die  sittliche  Verwahrlosung  der  Mädchen  seht  meist  schon  im
zarten  Kindesalter  ein.  Die  „Statistik  über  die  Fürsorgeerziehung
lind  über  die  Zwangserziehung  JugendlicherlAr  das  Etatsjahr  1901"
konstatiert  die  schauervolle  Tatsache,  das;  von  den  schulpflichtigen
verwahrlosten  Mädchen  101  der  Unzucht  ergeben  waren.  Vier  von
ihnen,  waren  mit  erworbener  Syphilis  behaftet.  Auf  1114  schulentlassene ­
  weibliche  Zöglinge  kamen  718  Unzüchtige  (=  64  Proz.).
Bon  den  schulentlassenen  Mädchen  haben  125  (—  11,2  Proz.)  gewerbsmäßig ­
  Unzucht  getrieben.  Ein  nicht  unerheblicher.  Teil  davon
ist  wegen  Ucbertretung  der  sittcnpolizcilichen  Vorschriften  bestraft.
Im  Jahre  1902  waren  nach  der  oben  erwähnten  Statistik  657  schulentlassene ­
  weibliche  Zöglinge  (=  65,8  Proz.  derselben)  der  Unzucht
verfallen.  Unter  ihnen  befanden  sich  84  Zöglinge  mit  erworbener
Syphilis.  76  der  7,6  Proz.  waren  schon  wegen  Gewerbsunzucht  oder
Uebcrtrctung  sittenpolizeilicher  Vorschriften  bestraft.  61  hatten
bereits  geboren  oder  waren  hochschwanger.  Von  den  schulpflichtigen
Mädchen  waren  121  der  Unzucht  ergeben,  darunter  2  mit  erworbener
Syphilis.
In  Berlin  trieben  im  Jahre  1902  von  190  der  Fürsorgeerziehung
überwiesenen  Mädchen  131  Prostitution  (68,94  Proz.).  Seit  dem
Inkrafttreten  des  Fürsorgeerziehungsgesetzes  sind  dort  bis  jetzt  im
ganzen  229  Prostituierte  überwiesen  worden,  das  sind  60,91  Proz.'
aller  weiblichen  Fürsoxgeerziehungszöglinge.
Der  frühzeitige,  schon  dem  Stadium  der  wirtschaftlichen  Ausbildumg
  vorhergehende  Eintritt  junger  Mädchen  in  die  Prostitutionsarm ­
  wiwird,  wie  wir  sehen  werden,  durchweg  schweren  Funktionsst/ät
  es  m  der  Familie  geschuldet.  Diese  Funktionsstörungen  beruhen
großen  Linie  auf  das  Fehlen  der  Elemente  in  der  Familie,  die  vor
Schuld."  e  Existenz  und  Erziehung  der  Kinder  ermöglichen:  der
Scn  d  Mütter.  Der  Familie  fehlt  der  Vater,  weil  das  Kind
f  n  -boren  und  in  einer  Muttcrfamilie  aufgewachsen  ist.
D  °  '  eine  Vollwaise  oder  eine  Vater-  oder  Mutterwaisc.
*

6
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.