Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

diese  während  ihrer  Kindheit  sittsam  und  gottesfürchtig  gewesenen
Kinder  nicht  das  Opfer  unserer  vormundschaftlichen  Einrichtung?
Hätten  sie  unter  besserer  Leitung  nicht  höchst  wahrscheinlich  zu  guten
und  brauchbaren  Menschen  sich  herangebildet?"  *)
III.  Funktionsstörungen  in  der  u  n  a  u  f  g  e  l  ö  st  en,
aber  zerrütteten  Familie.
Für  die  bevormundeten  Kinder  ist  nicht  nur  die  Familie  tot,
nein,  sie  ist  es  auch  in  übertragener  Bedeutung  für  zahllose  Kinder,
die  noch  Vater  und  Mutter  besitzen.  Selbst  wenn  sich  die  Eltern  der
Fürsorgczöglinge  heiß  um  das  Wohl  und  Wehe  ihrer  Kinder  bemühten, ­
  so  mußten  doch  die  denkbar  engsten  Grenzen  diesen  Bemühungen ­
  durch  die  ärmlichen  oder  total  Zerrüteten  Existenzverhältnisse
  derselben  gesteckt  sein.  Welche  schwarze  Sorge  um  das
nackte  Dasein  steigt  aus  den  Ziffern  der  Fürsorgeerziehungs-Statistik
hervor,  daß  76,1  Prozent  der  Familien  Fürsorgezöglinge  1902  ein
Einkommen  bis  900  Mk  hatten.  Im  Jahre  1901  verfügten  gar  nur
77,8  Proz.  über  ein  derartiges  Einkommen.  Kein  Einkommen  bezogen ­
  im  Jahre  1901  7,9  Proz.  der  Familien  und  1902  7,1  Proz.
AIs  orts-  oder  landarm  werden  14,5  Proz.  der  Familien  im  Jahre
1901  und  11,5  Proz.  im  Jahre  1902  bezeichnet.
Die  Kinder  verwaisen  gleichsam  nicht  nur  durch  den  physischen
Tod  des  Vaters  und  der  Mutter,  sondern  auch  durch  deren
moralischen  Tod.  Sie  sind  in  der  Tat  verwaist,  wenn  der  Vater
und  die  Mutter  ihre  erzieherischen  Aufgaben  nicht  erfüllen.
Können  unmündigen  Kindern  die  Personen  sorgende  Eltern
sein,  die  das  moralische  Rückgrat  verloren  haben?  Können  die  den
Kindern  eine  Stütze  sein,  die  selbst  einer  Stühe  bedürfen?  Die
Eltern  der  Fürsorgezöglinge  Preußens  waren  schon  massenhaft  den
Lastern  der  Trunksucht  und  Unzucht  verfallen,  und  zwar  standen
1901  37,9  Prozent  der  Eltern  und  1902  30,7  Prozent  derselben  im
Banne  übler  und  verbrecherischer  Neigungen.  „Unter  den  schlechten
Neigungen  der  Väter,"  so  lesen  wir  in  der  „Statistik  über  die  Fürsorgeerziehung ­
  Minderjähriger  und  über  die  Zwangserziehung
Jugendlicher  für  das  Rechnungsjahr  1902",  „nimmt  die  Trunksucht
den  ersten  Platz  ein  (1154  —  89,8  Prozent);  unter  denjenigen  der
Mütter  die  Unzucht  (404  —  52,3  Prozent),  gegen  1483  oder
87,6  Prozent  bezw.  562  öder  46,7  im  Vorjahr  (1901).  In  fast  der
Hälfte  der  Familien  (45,1  Prozent),  aus  denen  die  Fürsorgezöglinge
stammen,  sind  Vater  oder  Mutter  oder  beide  Eltern  bestraft.
Vater-  und  mutterlose  Mädchen,  Mädchen  wirtschaftlich  schlecht
gestellter  Eltern,  Mädchen  sittlich  verkommener  Väter  und  Mütter
stehen  in  der  Großstadt  schon  mit  einem  Fuß  ans  der  Straße.  Alle
diese  unglücklichen  Geschöpfe  wachsen  in  innerlich  zersetzten  Familien
*)  Diese  Auszüge  befinden  sich  in  der  Schrift  des  Stadtrats  Zelle:  Die
Reform  der  Pornmndfchastsgesetzgebung.
            
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