Fortschritte des politischen Denkens. 505
IV.
Das, was die neue Bewegung kennzeichnete und weit
hinweghob über alle bisherigen politischen Strömungen, war
der Nationalismus, war die Liebe zum Vaterland. Man kann
zweifelhaft sein, was aus den Forderungen des Liberalismus
allein und damit aus der politischen Kultur des subjektivistischen
Zeitalters in Deutschland überhaupt geworden wäre ohne den
Gedanken an eine politische Einheit, an ein zukünftiges gemein⸗
sames Vaterland. Sicher ist, daß seit den vierziger Jahren
der Liberalismus vor dem mehr kosmopolitischen und partikula⸗
ristifchen Konservatismus auf lange den Vorsprung dadurch
erhielt, daß ihn das heilige Feuer der Vaterlandsliebe zu
wärmen und umzuschmelzen begann: und dies um so mehr,
als die Konservativen in ihrer lauen Haltung wesentlich durch
jene Kirchen bestärkt zu werden schienen, die der Liberalismus
haßte.
Bis zum Jahre 1820 etwa hatte im ganzen und großen
noch die frische begeisterte Vaterlandsliebe der Zeit der Freiheits⸗
kriege fortgewährt. Dann aber war sie weit mehr, als man
gewöhnlich annimmt, in Partikularismus, Kosmopolitismus, ja
Antinationalismus untergegangen. Und so war es zu keinen
vaterländischen Erörterungen großen Stiles mehr, geschweige
denn zu nationalen Parteibildungen gekommen; und als zweifel⸗
haftes Ergebnis all des Aufschwunges der Freiheitszeit war
zunächst nichts zurückgeblieben als der schale Rest eines auf enge
Kreise begrenzten nationalen Radikalismus.
Wie hätte es auch, von einem gewissen Standpunkte aus
betrachtet, anders sein sollen? Ließ sich leugnen, daß dieses
Volk der Franzosen, das man soeben besiegt hatte, doch der
größte Kulturbringer des 18. Jahrhunderts von auswärts ge⸗
wesen war? Galt nicht ein wenig das Ciceronianische Er⸗
fahrungswort Victi victoribus leges dodere, dessen herbe
Wahrheit uns selbst nach 1870 nicht durchweg erspart geblieben
ist? In ganz Deutschland hatten noch ein gutes Teil des
18. Jahrhunderts hindurch Adel und Bürgertum französisch