fullscreen: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

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das Gepräge des Conservatismus, wenn auch nur indirect, %ur 
Schau trugen. Dies war aber mit dem Malthusschcn Buch der 
Fall, welches den gesellschaftlich herrschenden Elementen ein 
gutes Gewissen zu machen und ihnen eine Art priestcrlichcr 
Absolution zu ertheilen bestimmt war. Die Verantwortlichkeit 
der Missstände wurde auf die niedcrn Classen gewälzt, die am 
allerwenigsten im Stande waren, durch das vereinzelte Privat- 
verhalten ihrer Glieder irgend etwas zu ändern. Irn Hinter 
halte aller Beschönigungen barg sich aber eine der widerwär 
tigsten Gestaltungen der theologischen Anschauungsweise, die 
durch das jesuitische Reden von der Natur und den Natur 
gesetzen nur für den Nichtkenner der Zweideutigkeit der ratio 
nellen Aussenscite ein wenig verschleiert werden konnte. 
C. Es müsste überraschen, dass ein so dürftiger Gegen 
stand, wie die Malthusschc Bcvölkerungsidcc, das Interesse so 
stark in Anspruch genommen hat, wenn nicht die Unbestimmt 
heit des ursprünglichen Gedankens in rein theoretischer Be 
ziehung für Missverständnisse einen so grossen Spielraum ge 
lassen hätte. Das angebliche Gesetz bezog sich auf das Ver- 
hältniss der Menschenzahl und der Nahrungsmenge. Es trennte 
beide Weiten als zwei Gebiete, deren jedes seine besondern, von 
dem andern unabhängigen Eigenschaften und Entwicklungs- 
ijormon hätte. Auf der einen Seite stand die Natur oder der 
Grund und Boden mit einer isolirt gedachten productiven Kraft; 
auf der andern befand sich der Mensch mit seiner ebenfalls 
isolirt gedachten Vermehrungstendenz. Man sieht aus diesem 
Gegensatz, dass ein Malthus noch nicht einmal ernstlich von 
der Smithschen Volkswirthschaftslehre ausging, sondern in den 
gröberen Vorstellungen verblieb, welche an die Bodenfrucht 
barkeit, nicht aber an die Arbeit als die entscheidende Quelle 
der Reichthümer und der Existenzmöglichkeiten denken. In 
der That findet man auch bei näherer Prüfung der rein national 
ökonomischen Vorstellungen des Bevölkerungstheoretikers, dass 
der letztere sehr weit davon entfernt geblieben ist, die Volks- 
wirthschaftslehre Adam Smiths zu verstehen. Freilich sind 
seine rein wirthschaftlichen Ideen auch nicht zur Physiokratie 
zu rechnen; denn die blosse nichts weiter als ein populäres 
Vorurtheil vertretende Meinung, dass der Bestand an frucht 
barem Boden die in erster Linie entscheidende Thatsacho sei, 
kann noch nicht darauf Anspruch machen^l^,, physiokratischo
	        
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