Full text: Grundfragen der englischen Volkswirtschaft

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Dr. M. J. Bonn. 
zu einem Reichszollverein herbeiführen. In gewissem Sinne hat ein 
solcher «Zollverein» vor 1846 bestanden. Er unterschied sich von 
seinen modernen Nachfolgern dadurch, daß seine Zollpolitik 
ausschließlich vom Mutterlande gemacht wurde. Die Idee eines 
modernen Zollvereins kann dagegen nur von der Voraus 
setzung ausgehen, daß die Tochtervölker bei der Gestaltung 
der Zollpolitik bestimmend mitwirken. Rein theoretisch wäre 
es nun denkbar, daß alle Tochtervölker das Schutzzollsystem 
aufgeben und das freihändlerische Finanzzollsystem des Mutter 
landes annehmen würden. Es würde das zwar keine zollpolitische 
Absonderung von der übrigen Welt bringen, es ließe sich aber so die 
Grundlage einer «Reichsabgabengemeinschaft» legen. Ein der 
artiger Zollverein ist indes gänzlich ausgeschlossen. Es ist nicht ein 
mal möglich, einen solchen auf Grund eines einheitlichen Reichs 
schutzzolltarifs herbeizuführen. Sollte er verwirklicht werden, so 
müßten das Mutterland, Indien und die Kronkolonien die Politik des 
Freihandels verlassen und zum mindesten gegenüber Waren aus 
fremden Ländern Schutzzölle erheben, die Produkte des Reiches aber 
zollfrei einlassen. Auf der anderen Seite müßten die Kolonien ihre 
bestehenden Zölle gegenüber dem Mutterlande, beziehentlich anderen 
Kolonien, aufheben, gegenüber anderen Ländern aber beibehalten. 
Es würde so ein einheitliches Zollgebiet, das das ganze britische 
Reich umfaßte, geschaffen werden, innerhalb dessen aber abgesehen 
von Zwischenzöllen freier Verkehr herrschte, während es nach außen 
durch Schutzzölle abgeschlossen wäre. 
Ein derartiger Zollverein müßte eine weitgehende Verschiebung 
im Handel des Mutterlandes mit anderen Ländern zur Folge haben. 
Die großen Absatzmöglichkeiten in den durch Aufhebung der Zölle 
neu eröffneten Kolonien könnten dabei als Ersatz für etwaige Ver 
luste auf dem Weltmarkt gelten. Indessen werden die Tochtervölker 
einem deratigen Plan nie zustimmen. Sie haben ihr Finanzsystem im 
wesentlichen auf Zöllen aufgebaut. Die Freilassung der mutter 
ländischen und der interkolonialen Einfuhr würde eine Lücke schaffen, 
die kaum ausgefüllt werden könnte. Überdies sind die kolonialen 
Schutzzölle im wesentlichen gegen die mutterländische Industrie 
gerichtet; 50o/o der gesamten australischen Einfuhr kommen z. B. 
aus dem Mutterlande; dieselbe besteht fast ausschließlich aus Fabri 
katen. Gingen diese zollfrei ein, so würden sie nicht nur die gesamte
	        
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