Full text : Grundfragen der englischen Volkswirtschaft

130

Dr.  M.  J.  Bonn.

bezweifeln,  ob  gerade  Tripolis  der  geeignete  Platz  für  eine  derartige
Siedlungskolonie  ist.  Man  wird  aber-  dieser  Bewegung,  in  die  sich
Italien  mit  größtem  Enthusiasmus  stürzte,  nur  gerecht  werden
können,  wenn  man  sich  vergegenwärtigt,  «daß  es  in  erster  Linie  ein
Imperialismus  zur  würdigen  Unterbringung  des  aus  den  untersten
Klassen  bestehenden  Bevölkerungsplus  ist».
Die  Stimmungen  und  Strömungen,  die  Italien  beeinflußt  haben,  sind
in  Deutschland  nicht  unbekannt.  Sie  haben  in  der  Zeit,  als  Deutschland ­
  noch  ein  Auswanderungsland  war,  zu  den  stärksten  Kräften  gehört, ­
  die  die  deutsche  Kolonialpolitik  in  den  Fluß  brachten.  Sie  sind
auch  heute,  obgleich  Deutschland  längst  ein  Einwanderungsland  geworden ­
  ist,  nicht  verschwunden.  Gelegentlich  der  Marokkokrise  hat
in  manchen  Kreisen  eine  Stimmung  geherrscht,  die  der  italienischen
durchaus  vergleichbar  war.  Sie  forderte  eine  Aufteilung  Marokkos,
bei  der  Deutschland  in  den  Besitz  des  Susgebiets  kommen  sollte.
Sie  hoffte  dadurch  Ländereien  zu  gewinnen,  die  für  eine  deutsche
Massensiedlung  geeignet  wären.  Gibt  man  solchen  Anschauungen
die  Bezeichnung  «Imperialismus»,  so  müßte  man  den  Imperialismus
als  eine  Bewegung  bestimmen,  die  neue,  wenn  möglich  menschenleere ­
  Länder  in  überseeischen  Gebieten  zu  gewinnen  trachtet,  um
sie  mit  Angehörigen  des  erobernden  Volkes  zu  besiedeln.  Je  geringer
die  Zahl  der  vorhandenen  Eingeborenenbevölkerung  ist,  je  schneller
diese  vor  den  Einwanderern  zurückweicht  oder  durch  Berührung
mit  ihnen  abstirbt,  desto  besser  wäre  es.  Man  sucht  weder  ihre
Dienste,  noch  die  Erzeugnisse  ihres  Fleißes,  sondern  man  sucht  Heimstätten ­
  für  Auswanderer,  Gebiete,  in  denen  außerhalb  der  Grenzen
des  sie  entsendenden  Mutterlandes  Tochtervölker  heranwachsen
können.  Diese  Tochtervölker  sollen  das  verjüngte  Ebenbild  des  heimischen ­
  Volkstums  darstellen  und  seine  nationalen  Eigenschaften  in
ungetrübter  Reinheit  forterhalten  und  fortpflanzen.  Wie  es  die  Begründer ­
  Neuseelands  aussprachen,  war  ihr  «Zweck,  die  Verpflanzung ­
  der  englischen  Gesellschaft,  unter  Beibehaltung  des  richtigen
Verhältnisses  ihrer  verschiedenen  Schichten;  unser  Recht,  unsere
gewohnte  Umgebung,  unsere  Gepflogenheiten,  unsere  Sitten  und
Empfindungen  —  kurz  alles  Englische  bis  auf  den  Boden  wollen  wir
mitbringen.  Wir  wollen  die  Grundlagen  der  Kolonie  jetzt  so  legen,
daß  in  wenigen  Generationen  Neuseeland  der  Welt  ein  Gegenstück
unseres  Vaterlandes  zeigen  wird,  an  Reichtum  und  Macht  sowohl,
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.