Der moderne Imperialismus.
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Völker entweder durch ein dem Mutterlande angehöriges Beamten
tum oder durch ausgewanderte Kolonisten regieren könne. Das ist die
Politik, die Rom so erfolgreich an vielen Orten der Welt versucht hat.
Sie ist von den herrschenden Staaten Europas bis auf den heutigen
Tag vielfach angewandt worden, um unterworfene, stammfremde
Völkerschaften zu entnationalisieren. Der Kolonist als Träger
mutterländischer Gewohnheiten, mutterländischer Gedanken und
mutterländischer Empfindungen wird hinausgesandt, um auf er
obertem Lande ein neues Heim zu begründen. Er soll dort im neuen
Boden Wurzel schlagen, aber indem er das tut, seine Eigenart dem
Lande übertragen, nicht die des Landes annehmen. Er soll zwischen
den Eingeborenen als Nachbar oder als Herr sitzen und sie durch
sein Beispiel mit den Gepflogenheiten des zivilisierenden Volkes ver
traut machen. Er soll sich mit ihnen verschmelzen und mit ihnen zu
einem Volke werden, das nicht die Züge der Heimat trägt, die es
geboren hat, sondern der Heimat, der die Zugewanderten ent
stammen. Er soll ihnen die Nationalität, die Sitte und die wohl
löbliche Ordnung vermitteln, die das Mutterland groß gemacht
haben und die es den Besiegten als Entgelt für die Unterwerfung
schenken will. Das waren z. B. die Vorstellungen, die die englische
Politik in Irland im 16. Jahrhundert geleitet haben. Die Iren, die
noch vielfach Nomaden waren und in loser Clanverfassung lebten,
sollten durch englische Siedler zu Ackerbauern gemacht werden. Sie
sollten feste Wohnsitze einnehmen und, von den Bedrückungen
ihrer Clanhäuptlinge befreit, den wohltätigen Formen des englischen
Rechtes unterstellt werden. Sie sollten sich der englischen Sprache
bedienen, irische Namen ablegen, die Zeichen kriegerischen Kelten-
tums — flatternde Locken und wilde Schnurrbärte — abrasieren und
zu braven englischen Ackerbauern werden. Sie sollten nicht von den
Kolonisten geschieden bleiben, sondern mit ihnen unter dem gleichen
Rechte leben, Ehen mit ihnen schließen und Verkehr pflegen und
so durch Vermischung und Nachahmung zu Engländern werden.
«Konformität, Konkordanz und Vertrautheit in Sprache und Rede,
in Sitte, Ordnung und Tracht mit denen, die einem zivilisierten Volke
angehörten» erstrebte die englische Politik, «denn nichts erhält viele
seiner (des Königs) Untertanen in dem genannten Lande so sehr
in einer beinahe wilden und barbarischen Lebensweise, als die Tren
nung, die zwischen ihnen in Rede, Sprache, Ordnung und Tracht