Der moderne Imperialismus.
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meidlich hielt, wenn sie erst zur vollen Reife gelangt seien. Da
gegen scheint es heute nicht notwendig zu sein, den politischen
Zusammenhang des beherrschten Volkes mit dem herrschenden
Volke zu beenden, wenn das Ziel einer nationalen Selbstver
waltung erst erreicht ist. Das herrschende Volk hat seit langem
die Absicht aufgegeben, dem beherrschten seine Eigenart aufzu
drücken; es ist, soweit Tochtervölker und andere Völker europä
ischer Abstammung in Frage kommen, längst zur Einsicht gelangt,
daß ein Zusammenarbeiten verschiedener Völkerarten die Erfüllung
gemeinsamer Reichszwecke nicht gefährdet, sondern erleichtert. Es
ist denkbar, daß in fernen Zeiten der Imperialismus, der als Be
herrschung eingeborener Völker erscheint, sich mit jenem Impe
rialismus verbinden mag, der die Mitarbeiterschaft der eigenen zu
Tochtervölkern herangereiften Stammesgenossen erstrebt. Dann
werden beherrschte Gebiete wie Indien, und Tochterstaaten wie
Kanada, zu einem Reichsverbande mit dem Mutterlande zusammen
geschlossen werden.
Soweit eine Beteiligung an den Pflichten des Reiches in Frage
kommt, hat Indien heute schon Anteil an denselben genommen. An
vielen Orten der Welt haben indische Truppen neben britischen ge
kämpft. Überdies bildet Indien und mit ihm die übrigen Einge
borenengebiete des britischen Reiches wirtschaftlich weit mehr eine
«Provinz», einen Teil dieses Reiches, als etwa Tochterstaaten, wie
Kanada, die mit den Mitteln der Zollpolitik eine möglichst weit
gehende wirtschaftliche Selbständigkeit zu erreichen suchen.
Die Hauptschwierigkeit, die Gebiete, in denen der Imperialismus
als Herrschaftsverhältnis einer hochstehenden Rasse über tiefer
stehende Völkerschaften begonnen hat, zu vollwertigen Reichsteilen
zu machen, liegt nicht auf der Seite formaler Verfassungsfragen.
Es ist durchaus möglich, daß dieser weitausblickende Gedanke sich
nie wird verwirklichen lassen, weil die Spannung, die zwischen den
Herrschern und den Beherrschten besteht, — zum mindesten in der
Masse der Bevölkerung —, allezeit zu groß sein wird, als daß eine
Mitarbeit möglich wäre, wie sie heute zwischen England und
seinen Kolonien mit Selbstverwaltung angebahnt wird. Soweit
es sich um die Auslese des Beamtentums handelt, ist ein Verständnis
zwischen Herrscher und Beherrschten erreichbar. Die Masse der
Europäer verachtet jedoch die Eingeborenen, soweit sie sie nicht