Full text : Grundfragen der englischen Volkswirtschaft

D :  AS  vorliegende  Thema  paßt  scheinbar  nicht  ganz
■  in  einen  «Deutschland  und  seine  wirtschaftlichen
[  Konkurrenten»  betitelten  Zyklus.  Wirtschaftliche  Kon-!
  kurrenz  macht  die  englische  Landwirtschaft  der  des
Kontinents,  speziell  der  deutschen,  nicht;  im  Gegenteil,  sie  ist
durch  die  überseeische  Konkurrenz  weit  schärfer  betroffen  worden
als  die  unsrige.  Wenn  trotzdem  ein  Vortrag  über  die  englische  Landwirtschaft ­
  in  diesen  Zyklus  aufgenommen  wurde,  so  geschah  das,
um  zu  zeigen,  wie  die  englische  Außenhandelspolitik  auf  die  eigene
Landwirtschaft  eingewirkt  und  wie  diese  sich  den  veränderten  Verhältnissen ­
  mehr  oder  weniger  angepaßt  hat.
Während  über  englische  Industrie-  und  Handelspolitik,  die  unsere
Interessen  unmittelbar  berührt,  in  Deutschland  ziemlich  konkrete,
wenn  auch  nicht  immer  ganz  richtige  Vorstellungen  verbreitet  sind,
sind  die  landläufigen  Anschauungen  über  englische  Landwirtschaft
meist  etwas  nebelhaft.  Das  Schema  pflegt  sich  in  der  vagen  Vorstellung ­
  von  einer  hohen  Blüte  der  englischen  Landwirtschaft  im
18.  Jahrhundert  zu  erschöpfen,  die  dann  durch  die  Aufhebung  der
Kornzölle  1846  geknickt  wurde;  dann  habe  die  überseeische  Konkurrenz ­
  zu  Anfang  der  siebziger  Jahre  des  19.  Jahrhunderts  den
Resten  der  englischen  Landwirtschaft  endgültig  den  Garaus  gemacht,
so  daß  heute  auf  dem  gänzlich  entvölkerten  flachen  Lande  die  Ruhe
des  Kirchhofs  herrsche.  Wir  werden  im  folgenden  sehen,  wie  unzutreffend ­
  diese  traditionellen  Vorstellungen  sind.
Unsere  Betrachtungen  werden  sich  im  wesentlichen  auf  die  letzten
40  Jahre  konzentrieren,  denn  ein  so  umfangreiches  Thema  wie  das
über  englisches  Agrarwesen  in  einem  knappen  Aufsatz  darzustellen,
erfordert  äußerste  Verkürzungen,  die  nur  ein  Eingehen  auf  das  Notwendigste ­
  gestatten.  Da  uns  hier  in  erster  Linie  die  Gegenwart
interessiert,  die  gewisse  Parallelen  mit  der  Entwicklung  in  Deutschland ­
  nahelegt,  will  ich  auf  die  historische  Entstehung  der  heutigen
englischen  Agrarverfassung  so  gut  wie  gar  nicht  eingehen  und  nur
kurz  darauf  hinweisen,  daß  aus  der  Grundherrschaft  und  der  Un-1*

            
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