Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.
215
mondi’s drei starke Strömungen der öffentlichen Meinung aus, und es
ist nicht weiter erstaunlich, daß das Interesse für das Werk Sismondi’s
in dem Maße gewachsen ist, wie diese neuen Tendenzen, die er voraussah,
sich mit größerer Kraft entwickelt haben.
Sein unmittelbarer Einfluß auf die zeitgenössischen National
ökonomen war dagegen ziemlich gering. Einige unter ihnen lassen sich
durch die Warmherzigkeit seiner Ausführungen gewinnen, durch seine
Güte für die Schwachen, durch sein Mitleid mit der Arbeiterklasse, ohne
aber jemals hierin einen genügenden Grund zu sehen, den klassischen
Liberalismus zu verwerfen. Blanqui im Besonderen gibt zu, daß die
Starrheit der Grundsätze des laisser-faire gemildert werden könne 1 ).
Theodore Fix und Droz 2 ) scheinen auf seine Seite hinüber gezogen
worden zu sein, und Sismondi konnte einen Moment glauben, daß die
Revue mensuelle d’fCeonomie Politique, die von Fix im Jahre
1833 gegründet worden war, seine Gedanken verteidigen würde, aber die
Revue stellte sehr bald ihr Erscheinen ein und war noch vor ihrem Ende
zur „Orthodoxie“ übergegangen. Nur ein einziger Schriftsteller, Buret,
nennt sich in seinem Werk über „das Elend der Arbeiterklassen
in Frankreich und England“ 3 ) geradezu einen Schüler Sismondi’s
und ist es tatsächlich gewesen. Diesen Schriftstellern sollte man noch
Villen$euve-Bargemont anfügen, den Verfasser einer christlichen
Nationalökonomie (Economie politique chretienne), in drei Bänden,
die 1834 herauskam, und in der er sich stark an Sismondi anlehnt.
Dagegen ist Sismondi, obschon er nicht selbst Sozialist war, viel
von Sozialisten gelesen und beachtet worden. Bei ihnen findet man
seinen Einfluß am ausgeprägtesten. Das ist nichts Erstaunliches.
Stellt nicht der ganze kritische Teil seines Werkes die wuchtigste
aller Anklagen gegen die Konkurrenz und die Ungleichheit der Ver
mögen vor? Louis Blanc hat ihn gelesen und entnimmt ihm mehr
als ein Argument gegen die Konkurrenz. Noch mehr als Louis Blanc
haben die beiden deutschen Sozialisten, Rodbertus und Marx, aus
seinem Buche geschöpft. Rodbertus entlehnt ihm seine Krisentheorie
1 ) A. Blanqui erklärt in seiner Ilistoire de ULconomique Politique en
Europe (1837), sich der „modernen Schule“ zuzählen zu wollen, die er wie folgt
charakterisiert: „Sie will die Produktion nicht als eine Abstraktion betrachten, die
mit dem Schicksal der Arbeiter nichts zu tun hat; es genügt ihr nicht, daß Güter
geschaffen, sondern sie müssen in gerechter Gleichmäßigkeit verteilt werden.“ (Einl.,
3 - Ausg., S. XXI.)
2 ) Droz (1773—1850) veröffentlichte im Jahr 1829 eine Lconomique politique
011 Principes de la Science des richesses, in der sich die berühmt gewordene
Stelle findet: „Wenn man gewisse Volkswirtschaftler liest, so möchte man fast glauben,
daß die Produkte nicht um der Menschen willen gemacht werden, sondern daß die
Menschen um der Produkte willen da sind.“
“) Paris, 1841, La misere des classes laborieuses en France et en
'Digleterre, 2 Bände. Büret starb 1842, 32 Jahre alt.