514 Reichsminister a. D. Dr.-Ing, e. h. Gothein:
nützung der Betriebsstätten die Selbstkosten geringer werden, damit auch
die Preise weiter gesenkt werden und die Wettbewerbsfähigkeit auf den
Auslandsmärkten wächst; daß dann auch die Arbeitslosigkeit zurück-
geht und damit die Lasten, die dem Volksganzen daraus erwachsen,
Leider aber haben — im Gegensatz zu den alten englischen Trade
unions — die meisten deutschen Gewerkschaften dafür kein Verständnis,
und unter dem terroristischen Druck der jüngeren ungelernten Arbeiter
wagen auch einsichtige Gewerkschaftsführer kaum mehr zu einer maß-
vollen, verständigen Gewerkschaftspolitik zu raten. Also werden immer
neue Forderungen erhoben, wird zu ihrer Durchsetzung gestreikt. Und
dann setzt das Schlichtungsverfahren ein. Dabei glaubt der Schlichter,
um eine Einigung zu erzielen, den Arbeitnehmerforderungen entgegen-
kommen zu müssen, auch wenn die ganze Wirtschaftslage das verbietet.
Und die Streikenden müssen immer wieder eingestellt werden. Der
Schiedsspruch bedeutet daher meist eine Prämie auf das Streiken, So-
lange man nicht den Mut hat, einen großen Streik sich ausbrennen zu
lassen, wird die Streikepidemie nicht aufhören,
Ein ständiger Streitpunkt ist dabei die Achtstundenschicht. Sie ist
am Platz, wo in ihr das gleiche geleistet wird wie in der Zehnstunden-
schicht, Aber ihre schematische Durchführung auch da, wo ein. erheb-
licher Teil der Arbeitszeit auf Pausen oder auf bloße Arbeitsbereit-
schaft entfällt, erlaubt uns unsere Verarmung nicht, Selbst Karl Marx
und Rodbertus waren Gegner der schematischen gleichen Arbeitszeit,
haben vielmehr ausdrücklich gefordert, daß diese sich nach Kompliziert-
heit und Schwere der Arbeit richten müsse.
Wer dem Volk vorredet, daß es ohne hingebende Arbeit und ohne
weitgehenden Verzicht auf Luxusgenüsse aus dem Elend dieser Zeit
herauskommen könne, ist kein Freund des Volkes, sondern ein Volks-
verführer,
VL.
Unsere Selbstkosten werden ganz unverhältnismäßig gesteigert
durch das Übermaß von Steuern, Nach dem Durchschnitt der Monate
Oktober-Februar 1924/25 würde sich eine Jahresbelastung allein an
Reichssteuern und Zöllen von 8250 Millionen Reichsmark ergeben, die
sich durch Steuerrückstände und Steuern der Länder und Gemeinden auf
rund 11,5 Milliarden erhöht. Das sind 40—45 % unseres Volkseinkommens,
während dasselbe in England nach den Erklärungen des Finanzministers
Churchill mit 25, in Frankreich mit 15, in den Vereinigten Staaten
mit noch nicht 10 % belastet ist. Dabei verlangen Englands Industrie
und Handel stürmisch Herabsetzung der untragbaren Steuern.
Zur Sicherung der neugeschaffenen Währung war die Balancierung
der Etats durch Steuern unerläßlich; ohne Eingriffe in die Vermögens-