Eine Zusammenkunft mit Menschewiki, welche sich in Tiflis möglich
machte, brachte eine Aussprache, die keinen Glauben an demokratische Mög-
lichkeiten offenbarte. Man ist dort nicht mehr der Meinung, daß die Ar-
beiterschaft durch Demokratie etwas erreichen könnte. Auch die Bauern,
Deutsche wie Grusinen, sprachen ihr Mißfallen über die demokratische Herr-
schaft aus; das jetzt herrschende System wird von ihnen mit Begeisterung
angenommen,
Deutschland liefert auch ein lebendiges Beispiel, Die November-Er-
rungenschaften sind durch die Demokratie abgebaut worden, nur die Bour-
geoisie und nicht die Arbeiterschaft hat gewonnen, In Rußland hat die
Arbeiterschaft die Macht in den Händen. Wir geben zu, daß manches nicht
soczialistisch ist, aber die Bahn ist gelegt und wenn alle Kräfte, welche es
ernst meinen mit der Arbeiterklasse, daran bauen, so ist die Entfernung vom
sozialistischen Staat nicht mehr weit. Mit den Mitteln aber, wie Ihr gedenkt,
die Sache zu ändern, dienet Ihr nicht Euch, sondern der kapitalistischen
Gemeinschaft,
Gewiß gibt es in den westeuropäischen Staaten augenblicklich keine
andere Möglichkeit, als die demokratischen Methoden zu unterstützen, aber
auch für diese kann es kein anderes Ziel geben, als die sozialistische Ge-
meinschaft. Der Kampf zwischen den Arbeiterparteien in diesen Ländern
ist ein Unglück für die Arbeiterklasse und festigt nur das Bollwerk der
bürgerlichen Partei, Wir billigen auch als Sozialisten die dortige kommu-
nistische Taktik nicht, aber auch dort muß die gemeinsame Bahn für die
ökonomische Umbildung der Gesellschaft gefunden werden,
Aus allem, was wir aus Eurem Schreiben gefunden haben, konnten wir
nur dialektische Methoden erkennen, die Euch und der Klasse, die Ihr zu
vertreten angebt, nichts nützen, Stellt Eure Arbeitskraft dem russischen
Proletariat zur Verfügung, reiht Euch ein in die gemeinsame Arbeiterfront,
dann wird Euch die Geschichte des Sozialismus dankbar sein,
Moskau, den 20, August 1925,
Mit sozialistischem Gruß
Die sozialdemokratischen Mitglieder der ersten deutschen Arbeiterdelegation,
gez. Hermann Mehle, Xaver Freiberger. Bennewitz,
Deklaration der deutschen Arbeiterdelegation.
An die Arbeiter und Bauern Sowjetrußlands*).
Ehe wir den Boden des ersten proletarischen Staates der Geschichte
verlassen, sprechen wir Euch für den brüderlichen Empfang und die uns
gewährte Gastfreundschaft den herzlichsten Dank aus, Wir fühlen uns
verpflichtet, Euch kurz zu schildern, welche Eindrücke wir während unseres
Aufenthaltes in Sowjetrußland gewannen und welche Schlußfolgerungen wir
daraus ziehen,
Genossen! Wir haben Rußland sechs Wochen lang in seinen wichtigsten
industriellen und landwirtschaftlichen Gebieten durchreist und dabei das
Ziel unserer Reise selbst bestimmt, Es gab nichts, worüber uns nicht bereit-
willigst Auskunft erteilt worden wäre, Die Auffassung, die bei unserer
Abfahrt in Deutschland verbreitet wurde, als würde der Delegation nur
das für die russische Regierung wünschenswerte gezeigt werden, hat sich
als völlig irrig erwiesen, Einige der Delegierten waren der russischen
*) „Trud' vom 28, August 1925.
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