Full text: Warum reisen Arbeiterdelegationen nach Sowjetrußland?

Sprache mächtig, außerdem haben wir mit vielen Deutschen persönliche 
Aussprache gehabt, Ein großer Teil der Delegation stand Sowjetrußland 
skeptisch gegenüber, Zu tief saß das Gift der Lüge, welches in Deutsch- 
land durch die antibolschewistische Presse verbreitet wurde, 
Die entscheidende und für die deutsche Arbeiterklasse wichtigste Frage 
war die: Ist Sowjetrußland wirklich ein Staat, in welchem die Prinzipien 
von Marx und Engels in die Tat umgesetzt sind; hat die Arbeiterklasse 
wirklich die Macht in den Händen oder übt eine kleine Clique eine Diktatur 
über ein Millionenvolk aus? 
Die Delegation ist nach sehr gründlichem, oft 16stündigem Studium am 
Tage, trotz der verschiedenen Parteizugehörigkeit der einzelnen Delegierten, 
zu der einmütigen Auffassung gekommen, daß die deutsche Arbeiterklasse 
von Rußland ein absolut falsches Bild hat, daß sich Rußland tatsächlich 
auf dem Wege befindet, das Ziel unserer Altväter des Sozialismus zu ver- 
wirklichen, daß die Arbeiterklasse wirklich die Macht in den Händen hat 
und daß sie politisch die *reieste Arbeiterklasse der ganzen Welt ist, und 
daß sich der Wirtschaftsaufbau unter Anteilnahme breiter Arbeitermassen 
in der Richtung zum Sozialismus vollzieht. Die so viel gehaßte Diktatur 
des Proletariats ist in Wirklichkeit eine wahre Arbeiterdemokratie, die sich 
sehr wohltuend von den sogenannten Demokratien der Westländer abhebt. 
Die Arbeiter, Bauern, Ingenieure, Techniker, Lehrer und Wissenschaftler 
stehen in ihrer überwältigenden Mehrheit hinter dem Sowjetsystem und der 
jetzigen Regierung. Darum kann es auch gar nicht anders sein, Nun, die 
Arbeiter besitzen wirklich. den starren Achtstundentag (wöchentlich 
46 Stunden) und die Jugendlichen und die Arbeiter der gesundheitschäd- 
lichen Betriebe arbeiten nur sechs Stunden täglich, Wo in der Welt kann 
eine Arbeiterklasse das gleiche aufweisen? 
Die Betriebsräte haben großen Einfluß auf alle die Arbeiterschaft be- 
rührenden Fragen, Gemeinsam mit den roten Direktoren arbeiten sie am 
sozialistischen Aufbau der Wirtschaft, Der russische Durchschnittsarbeiter 
lebt schon heute nicht schlechter als der deutsche. Ihm steht zweifelsohne 
eine größere Menge von Lebensmitteln zur Verfügung, Dagegen ist er in 
bezug auf Wohnung und Kleidung dem deutschen Arbeiter gegenüber noch 
zurück, Er braucht keine Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen, da die- 
selben vom Betrieb getragen werden, Er kann in den großen Schlössern 
und Villen seinen Erholungsurlaub verbringen, Die Regierung sorgt {für 
einen vorbildlichen Arbeiterinnen- und Wöchnerinnenschutz, Die Kinder 
erfreuen sich einer besonderen liebevollen Fürsorge und Erziehung im 
sozialistischen Geist, Der Arbeiter bezahlt erst bei einem Einkommen von 
75 Rubel Steuern. Die Bauern haben das Land der Großgrundbesitzer 
erhalten, Die Regierung bringt durch den Bau eines großen Netzes von 
elektrischen Stationen neue Kultur auf das Dorf, Kunst und Wissenschaft 
sind in den Dienst des Proletariats gestellt, Der russische Arbeiter hat in 
den letzten Jahren einen ungeheuren kulturellen Aufschwung genommen, 
seine politische Schulung ist gleichfalls sehr hoch, In der Industrie, die 
gegenüber der deutschen infolge der zaristischen Erbschaft zum Teil noch 
rückständig und technisch unentwickelt ist, macht sich eine starke Auf- 
wärtsentwicklung bemerkbar. 
Das wichtigste und entscheidenste für die Lage des russischen Arbeiters 
ist, daß sich sein Lebensstandard in den letzten zwei Jahren, wenn auch 
langsam, so doch ununterbochen gebessert hat und daß die Aussichten für 
die nächste Zukunft überaus günstige zlı nennen sind, 
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