Full text: Kritischer Beitrag zur Theorie des internationalen Handels

Hiernach können wir dann sagen: Wird eine Anwendung 
theoretischer Begriffe derart frisiert, daß diese unmittelbar auf 
politische Tatbestände bezogen werden, so ist dieser Versuch offen- 
sichtlich politisch, und zwar in diesem Fall handelspolitisch orien- 
tiert. Es liegt die Absicht vor, theoretisch erdachte Gebilde durch 
politisch bezogene Datenauswahl auf das staatliche, durchaus 
heterogene‘ Wirtschaftsgebiet zu projizieren, um aus der Einsicht 
in die Struktur und die Bewegungsgesetze dieser einheitlichen 
Vorstellungsgebilde handelspolitisch Nutzen zu ziehen. In welchem 
Maße diese Absicht bewußt wird, ist dabei nebensächlich — ent- 
scheidend ist der Vorgang der Inversion des Motivs in 
die Sphäre des auswahlbedingenden Bezugswertes, wWO- 
mit auch die Zielsetzung, von der wir gesprochen haben, 
ihre logische Position verändert. 
Wollen wir uns nun zu dieser Inversion äußern, so ist zu 
prüfen, ob sie fruchtbar sein kann für den hinter ihr lauernden 
Zweck. Wir stehen dann inmitten der Diskussion über Freihandel 
und Schutzzoll. Dieser unglückliche Gegensatz, der keiner zu sein 
brauchte, fristet sein Leben von dem Glauben an die Allmacht 
der Theorie, an ihren positiven Dienst für die Handelspolitik. 
Dabei sind beide Parteien Gläubige, denn auch der Schutzzöllner 
kämpft mit theoretischen Waffen, obgleich seine Position nur mit 
politischen Beweismitteln zu rechtfertigen ist. Deutlich wird dies 
durch einen Vergleich zwischen dem Sinn der Handelspolitik und 
den Grenzen theoretischer Erkenntnis. 
Entwickeln wir ihn in aller Kürze!) aus den Wirkungen dieser 
Art „angewandter‘‘ Theorie, So zeigt sich nicht nur, daß die Wid- 
mung der produktiven Kräfte eines Landes infolge der Annahme 
ihrer freien Beweglichkeit als willkürlich veränderbar angesehen 
wird, mit der Folge, daß die Schäden bzw. die Unmöglichkeit 
einer Umgruppierung auf den relativ günstigsten Produktions- 
zweig — dessen Geltung seinerseits mit der Zeit wechselt — nicht 
in Rechnung gestellt werden — sondern auch, daß die Bevölkerungs- 
kapazität der günstigsten Produktion der Handelspolitik als die 
ideale aufgedrängt wird, während doch auch noch andere, ja vor 
allem andere Populationsziele für die Handelspolitik maßgebend 
sind oder wenigstens bisher gewesen sind. 
ı) Eine ausführliche Darstellung erübrigt sich, da es sich hier um hinreichend 
bekannte Gedankengänge handelt, 
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