210 dW . Über Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung der Völker,
eine Produktion für unbekannte Personen. Steht es aber sv,
so haben wir drittens festzustellen, daß der mittelalterliche Hand-
werker nicht in einen einfachen Gegensatz gegen den Unternehmer
gestellt werden darf. „Das Kapitalrisiko, das grundlegende
tauschwirtschaftliche Merkmal für die Unternehmung"!), ist vor-
handen, wenn der Handwerker auf Vorrat, zum Verkauf auf
dem Markt an unbekannte Personen, zumal an fremdem Ort,
arbeitet. Wenn nun die mittelalterliche Zunftverfassung, das
allgemeine stadtwirtschaftliche Prinzip dem Handwerker den
Verkauf der selbstgefertigten Waren zu sichern und so Erzeuger
und Verbraucher in unmittelbaren Verkehr zu bringen suchte,
auch da, wo der Handwerker für unbekannte Personen arbeitete,
so kam es ferner doch gelegentlich (wie vorhin bemerkt) vor,
daß der heimische Handwerker für den heimischen Kaufmann
arbeitet, daß also dér heimische Kaufmann das Produkt heimischer
Gewerbetreibender verkauft. Hiermit machen wir eine vierte
Feststellung zur Einschränkung von Büchers Definition des
mittelalterlichen Handwerks als der Kundenproduttion. Fünf-
tens weisen wir auf die Zentren gewerblicher Produttion für
einen Fernabsatß, wie wir sie in den Stätten der flandrischen
Tuchproduktion haben, hin; hier haben wir es mit einer sehr
starken Entfernung von der Kundenproduktion zu tun. Zum
Teil fällt diese Kategorie mit unserer vierten Feststellung zu-
sammen. Sechstens erinnern wir daran, daß die Kundenpro-
duktion nicht bloß dem Mittelalter, sondern auch den neuern
Jahrhunderten keineswegs unbekannt issr.
Immerhin kann die Kundenproduktion als. Grundlage des
mittelalterlichen Gewerbewesens angesehen werden, in dem
Sinn wenigstens, daß der Verbraucher in der Mehrzahl der
Fälle direkt vom Erzeuger bezog, wobei wir freilich festzuhalten
haben, daß es nicht bloß auf unmittelbare Bestellung hin geschah,
sondern, wie bemerkt, teilweise auch im Umsat auf dem Martt.
Wenden wir uns nun zu der allgemeinen Stellung des
Handels.
1) Liefmann a. a. O. S. 4. Harms, Volksw. u. Weltw. S. 92.