Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

2922 IV. Über Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung der Völker,
Gegenüber dem Versuch, ein Yeitalter der Kundenproduktion
 in schroffer Formulierung zu konstruieren, möchten wir
zwei allgemeine Momente geltend machen. Erstens hat, wie
wir im vorigen Abschnitt auseinandergesetßt haben, schon für
alle älteren Wirtschaftsstufen der Handel eine größere Bedeutung,
als Bücher zugeben will. Zweitens ordnen sJich die Wirtschaftsarten
 nicht bloß nach Zeiten, sondern auch nach den Waren.
Bei manchen Verkehrsartikeln finden wir bereits im Mittelalter
die Marktproduktion, und bei andern behauptet sich umgekehrt
noch heute die Kundenproduttion.
Was wir über den Verkehr der Städte miteinander festgestellt
 haben, das gilt von dem Verhältnis des platten Landes
zur Stadt ebenfalls. Es besteht eine Herrschaft der Stadt über
das Land. Aber die wirtschaftlichen Beziehungen des umliegenden
 ländlichen Distrikts haben ebenso wenig ihren einzigen Mittelpunkt
 in der einen Stadt, wie die einzelnen Städte hermetisch
voneinander abgeschlossen sind. Auch hier darf man sich die
Stadtwirtschaft nicht zu konsequent ausgebildet vorstellen.
Rechtlich wird die Abhängigkeit des Landes oft nur für ein oder
einige wenige Gewerbe (Brauerei, bessjere Gewebe) ausgesprochen.
 Und selbst in den Urkunden, die eine umfassende Herrschaft
 des Bürgers über den Landmann erkennen lassen, wird
diesem ein gewisser Spielraum doch immerhin zugestanden!).
Lederhandel regelmäßig in der Hand der betr. Handwerker liegt,
gibt es in Lübeck besondere Häutehändler. Reichhaltige Verzeichnisse
der in einer Stadt vorkommenden Gewerbe bei Lau S. 211 ff., Boos
S. 59 ff., Schrohe, Mainzer Leben im 15. Jahrhundert (S.-A. aus der
von K. G. Bockenheimer herausgegebenen Gutenberg-Festschrift der
Stadt Mainz) S. 7. Die Listen der Zünfte genügen hierfür nicht.
Zweifellos erklärt sich ein Teil der Abweichungen vom stadtwirtschaftlichen
 Prinzip daraus,. daß die scharfen Bestimmungen der städtischen
Verordnungen und Zunftsstatuten in der Praxis vielfach gemildert
wurden. Mit Recht bemerkt Techen, Hansische Geschichtsblätter 1897,
S. 55: „Unsere Vorfahren liebten es nicht, die Suppe so heiß zu
essen, wie sie aufgetragen ward, und sie ward auch oft zu heiß aufgetragen
 . .. Man ließ mit sich sprechen.“"
1) Vgl. z. B. Kurz, Österreichs Handel S. 359 f.: Urkunde Herzog
Albrechts von 1372: man soll »auk den geumarkten oh der Ens, in
            
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