Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

224 UV. Über Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung der Völker,
gleichgültig, ob das Zunfthandwerk des Mittelalters mehr Lohnwerk
 oder mehr Preiswerk gewesen ist“. Es muß ihm überlassen
bleiben zu bestimmen, welches Maß von realer Grundlage er
für seine Entwicklungslehre für notwendig hält. Unseres Erachtens
 macht es für die Beurteilung der Lage des städtischen
Handwerkerstandes sehr viel aus, ob der Meister sich das Material
selbst beschafft oder von Kunden bezieht, ob er behaglich in eigener
Werkstatt mit eigenem Material arbeitet oder als Störarbeiter
umherzieht. Der Forscher, der von Bücherschen Voraussezungen
aus die Lage des mittelalterlichen Handwerks schildert, gelangt
zu einem zu ungünstigen Urteil!). Bücher glaubt ferner einen
wichtigen Beitrag zur Charakteristik des Handwerksmeisters zu
liefern, wenn er bemerkt (S. 178), daß derselbe „nur im Notfalle“
 auf Vorrat arbeite. Gewiß, ein bedeutendes Lager fertiger
Waren hielt der mittelalterliche Handwerker nicht?). Aber so
eng, wie Bücher es in jenem Ausspruch andeutet, war das Verhältnis
 zu seinen Kunden doch nicht; es handelte sich in seinen
Beziehungen zu ihnen keineswegs nur um direkte Aufträge?).
Im übrigen erinnere ich an das, was iéh zu der andern Verwendung,
 die Bücher dem Begriff „im Notfalle“ gegeben hat,
schon bemerkt habe (S. 179).
Da Bücher den Handwerker (wenigstens bis zum 14. Jahrhundert)
 ganz überwiegend als bloßen Lohnwerker auffaßt, so
nimmt es nicht Wunder, daß er (S. 147) die Auffassung, der
zünftige Handwerkerstand des Mittelalters sei ein Stand kleiner
Kapitalisten gewesen, für einen großen Irrtum erklärt; man
müsse ihn „im wesentlichen als einen gewerblichen Arbeiter-1)
 Vgl. die in Territorium und Stadt S. 336 Anm. 1 erwähnte
Schilderung von Eulenburg. Daselbst ist statt „dieser Zeitschr." zu
lesen: „Zeitschr. f. Soz.- u. W. G.". Ich habe ebenda schon bemerkt,
daß Bücher die kurpfälzischen Ordnungen, auf die sich Eulenburg
red os Vetgaug hen H Ut t19ue Jugtetutt Zischr. f. d
Gefsch. Us Oberrheins 1907, S. 457 ff.
3) Hansische Geschichtsblätter 1897, S. 37: die daselbst angeführten
Nachrichten schließen die Annahme aus, daß die direkte bestellte Arbeit
die Regel gewesen Fei.
            
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