Bildende Kunst.
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schauten im einzelnen Kunstwerk. Der Gehaltsidealismus kann
im ganzen ein doppelter sein: er kann dem Kunstwerk einen
Stimmungsgehalt geben oder einen Ideengehalt, einen mehr
primitiven Zusatz von persönlicher Empfindung des Künstlers,
oder einen Zusatz, der, zwar auch empfindungsgemäß und
anschaulich gewandt, doch in den großen sittlichen und
religiös-metaphysischen Gedankenkreisen der Zeit wurzelt. Dabei
ist selbstverständlich, daß der Stimmungs- oder Ideengehalt
vielfach auch die Typisierung des naturalistisch Erschauten und
damit die Form mit bestimmen wird.
In der idealistischen Malerei der fünfziger bis neunziger
Jahre ist nun der Gehalt fast ausschließlich stimmungsmäßig;
wo er ideenmäßig wird, setzt die Zeichnung ein: die Radie—
rungen Klingers. Aber auch der stimmungsmäßige Gehalt
wird in einer Form zum Ausdruck gebracht, die, entsprechend
noch dem technischen Historismus, in leisem Widerspruch nicht
selten mit dem physiologischen Impressionismus, an der zeich—
nerischen Grundlage des Bildes vielfach festhält und jedenfalls
die menschliche Gestaltenwelt in einer Plastik des Umrisses
wiedergiebt, die mit weiteren Fortschritten des Impressionismus
nicht vereinbar war.
Hier tritt die Achillesferse dieses Idealismus zu Tage,
der Teil, wo er sterblich war. Wie konnte sich eine ständig
zunehmende Reduktion der impressionistischen Malerei auf bloße
Licht-Farbeneindrücke mit der starken Plastik, der Flachbild—
komposition gleichsam dieses Idealismus befreunden oder auch
nur abfinden? Die großen Gemälde Klingers enthalten das
äußerste noch Denkbare an gegenseitigen Zugeständnissen —
darüber hinaus war keine Ausgleichung mehr denkbar und hat
keine stattgefunden.
Wenn aber nun der volle Licht-Farbeneindruck des psycho⸗
logischen Impressionismus in sein Recht trat: wie konnte er
formales Prinzip eines neuen Idealismus werden? Auch hier
standen, nur jetzt ganz anderswohin führend, die beiden Wege
der Typisierung der Form und der Erfüllung dieser Form mit
Stimmungs- oder mit Ideengehalt zur Verfügung.