Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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schauten im einzelnen Kunstwerk. Der Gehaltsidealismus kann 
im ganzen ein doppelter sein: er kann dem Kunstwerk einen 
Stimmungsgehalt geben oder einen Ideengehalt, einen mehr 
primitiven Zusatz von persönlicher Empfindung des Künstlers, 
oder einen Zusatz, der, zwar auch empfindungsgemäß und 
anschaulich gewandt, doch in den großen sittlichen und 
religiös-metaphysischen Gedankenkreisen der Zeit wurzelt. Dabei 
ist selbstverständlich, daß der Stimmungs- oder Ideengehalt 
vielfach auch die Typisierung des naturalistisch Erschauten und 
damit die Form mit bestimmen wird. 
In der idealistischen Malerei der fünfziger bis neunziger 
Jahre ist nun der Gehalt fast ausschließlich stimmungsmäßig; 
wo er ideenmäßig wird, setzt die Zeichnung ein: die Radie— 
rungen Klingers. Aber auch der stimmungsmäßige Gehalt 
wird in einer Form zum Ausdruck gebracht, die, entsprechend 
noch dem technischen Historismus, in leisem Widerspruch nicht 
selten mit dem physiologischen Impressionismus, an der zeich— 
nerischen Grundlage des Bildes vielfach festhält und jedenfalls 
die menschliche Gestaltenwelt in einer Plastik des Umrisses 
wiedergiebt, die mit weiteren Fortschritten des Impressionismus 
nicht vereinbar war. 
Hier tritt die Achillesferse dieses Idealismus zu Tage, 
der Teil, wo er sterblich war. Wie konnte sich eine ständig 
zunehmende Reduktion der impressionistischen Malerei auf bloße 
Licht-Farbeneindrücke mit der starken Plastik, der Flachbild— 
komposition gleichsam dieses Idealismus befreunden oder auch 
nur abfinden? Die großen Gemälde Klingers enthalten das 
äußerste noch Denkbare an gegenseitigen Zugeständnissen — 
darüber hinaus war keine Ausgleichung mehr denkbar und hat 
keine stattgefunden. 
Wenn aber nun der volle Licht-Farbeneindruck des psycho⸗ 
logischen Impressionismus in sein Recht trat: wie konnte er 
formales Prinzip eines neuen Idealismus werden? Auch hier 
standen, nur jetzt ganz anderswohin führend, die beiden Wege 
der Typisierung der Form und der Erfüllung dieser Form mit 
Stimmungs- oder mit Ideengehalt zur Verfügung.
	        
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