Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 4. ;
Jm vorstehenden haben wir uns darüber zu unterrichten gesucht,
 was unter Kapitalismus verstanden werden kann und was
er bedeutet. Er beruht, wie wir gesehen haben, auf der Ver-Text
 ergibt sich, daß ich die zeitweilig herrschende Theorie nicht als
eine einfache Widerspiegelung der wirtschaftlichen Verhältnisse ansehe
(s. oben S. 421 u. 424). Aber andererseits kann ich einen ,kapitalistischen
 Geist vor der kapitalistischen Entwicklung“ (wogegen sich Rachfahl
und Brentano [S. 130] wenden) nur im Sinn einer gewissen Beanlagung,
 Disposition für kapitalistische Tätigkeit zugeben. Doch hier
ist entscheidend die Frage, was denn ,kapitalistischer Geist“ ist. Weber,
Archiv f. Sozialw. 20, S. 20 ff. stellt den kapitalistischen „Geist“ in Gegensaß
 zu dem ,„Traditionalismus“, d. h. der natürlichen Abneigung
des Menschen, sich um des Geldgewinns oder um der Möglichkeit, mehr
Geld zu verdienen, als er unbedingt nötig hat, besonders zu plagen, zu
der menschlichen Neigung, so zu leben, wie er zu leben gewohnt ist. Diese
Abneigung bez. Neigung wird nach Weber durch den „kapitalistischen
Geist“ überwunden. Allein hier sieht man eben, daß auch W. den
„Kapitalismus“ und „kap. Geist“ zu weit faßt. Schon im frühen Mittelalter
 haben viele Leute sich geplagt und ,asketisiert“, um mehr
zu verdienen, als sie nötig hatten. Jm übrigen ist es richtig, daß der
Erwerbstrieb durch mannigfaltige ideelle Momente gehoben oder
gedämpft werden kann. Die Unlust so vieler heutiger Arbeiter zur
Arbeit ist nicht bloß, wie so oft brhauptet wird, Folge der Kriegsverhältnisse,
 sondern auch der revolutionären Ideen, bez. des sozialistischen
Programms, das durch die Revolution zur herrschenden Idee erhoben
worden ist. (Vgl. z. B. die Abschaffung des Akkordlohns; dazu Weber
S. 20 f. Neben dieser Verfassungseinrichtung spielt auch die allgemeine
 sozialistische Tendenz zur Einschränkung der Arbeit eine Rolle.)
So auch wird die Arbeitslust durch die religiösen Jdeen und die religiöse
 Stimmung stark beeinflußt (Weber S. 24 darüber richtig und
lehrreich). Die Steigerung der Arbeitslust. und Arbeitsleistung aus
religiösen Motiven steht (oder kann stehen) unabhängig neben der
Steigerung aus Gewinnstreben. Tröltsch (H. Z. 120, S. 429 Anm. 2)
wirft Rachfahl vor, daß er die Unterscheidung zwischen dem ,Geisst
des Kapitalismus“ und dem q,rein ökonomisch-technologischen Kapitalismus
 " nicht verstanden habe, „weil er in die Feinheit Marxistischer
Problemstellungen nicht eingedrungen ist, sondern allés mit dem
bloß psychologischen Schema „,Erwerbstrieb- abmacht.“ Indessen
dürfte Marx schwerlich Meister für feinere Problemstellungen sein,
da sein System sie gerade in der angedeuteten Richtung ignoriert.
Zur Frage des „Erwerbstriebs" vgl. im übrigen Rachfahl, Nochmals
 Calvinismus und Kapitalismus, SA. aus d. Internationalen
v. Below . Wirtschaftsgeschichte 2. Aufl D

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