Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 4 )
Handwerker des Mittelalters als bloße armselige Lohnwerker
anzusehen, die tatsächlich mehr vorstellten. Die genauere Prüfüng
 der Verhältnisse ergibt, daß von grellen Unterschieden
zwischen den einzelnen Handwerkern doch nicht die Rede sein kann.
Wohl gibt es (wovon wir schon sprachen) Gewerbe, in denen die
Unternehmer sich über den normalen Handwerksmeister erheben,
indem sie eine etwas größere Zahl von Arbeitskräften beschäftigen,
 wie etwa die Florentiner Wollenindustrie. Allein auch
hier, wo wir schon einen Ansatz zu kapitalistischer Wirtschaftsweise
 finden, begegnet uns mit der Beibehaltung der Form der
Zunft, die die Unternehmer umschließt, das mittelalterliche tatsächliche
 Verhältnis: wenig ganz kleine, wenig große, in überwiegender
 Mehrzahl Existenzen von mittlerem Durchschnitt!).
Die Zunftform dient also auch bei schon beginnenden kapitalistischen
 Unternehmungen dazu, die Betriebe auf mittlerer Höhe
zu halten. Und bei dem Handwerker alter Art darf man vollends
 nicht zu starke Unterschiede in der wirtschaftlichen Lage der
einzelnen Zunftmeister erwarten?). Es ist bezeichnend, daß
1) Vgl. Hermes (s. oben S. 415) S. 381.
2) Sombart, 2. Aufl. S. 263 ff. räumt hinterher selbst ein, daß
doch ein annähernd gleichmäßiges Hant.werk fast ausschließlich herrschende
 Wirtschaftsform war. Vgl. auch Hermes S. 387 und S. 398f.
Aubin S. 242 zeigt lehrreich, wie die Autarkie der Stadt in den Gewerben
 besonders stark verwirklicht wird.
Köhne, Gliederung der deutschen Gewerbegesschichte, Teil II,
Ztschr. f. Sozialwissensch. 1917, S. 507 bestreitet die hohe Wertschäzung
 der Bedeutung der Zünfte, der Zunftorganisation für die
Blüte des mittelalterlichen Handwerks mit dem Hinweis darauf,
daß Nürnberg, welche Stadt in der Stoffbearbeitung eine erste Stelle
einnahm, 1349 die Zünfte für immer abgeschafft habe. Indessen
hierbei handelt es sich nur um Beseitigung des politischen Charakters
der Zünfte (vgl. oben S. 297 Anm. 1). Die politische Zunft hat
natürlich für die Entwicklung der Technik nichts ausgemacht. Gegen
eine Überschätung der Gesellenkämpfe des ausgehenden Mittelalters
und des 16. Jahrhunderts ~ Schönlank (, Soziale Kämpfe vor dreihundert
 Jahren“, 1894) trägt in die alte Zeit die modernen gewerkschaftlichen
 Bestrebungen hinein + hat sich Sombart selbst mit Recht
erklärt (Archiv für soziale Gesetzgebung Bd. 7, 1894, S. 720 ff.).
Stieda, H. Z. 74. S. 101: Die Gesellenbewegung jener Zeit wird

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