Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 457
in dem wiedergeborenen Genossenschaftswesen liegt." Sombart
schreibt etwa aus der Stimmuug heraus: „Das mittelalterliche
Handwerk ist etwas ganz Elendes; es gab noch gar keine Fabriken,
kein elektrisches Licht usw .; lebenswert ist nur das Leben, das die
Segnungen der modernen Errungenschaften ermöglichen.“ Wer
ist im Recht?
Zu der Verschiedenheit des Ausgangspuntts tritt allerdings
auch der andersartige Quellenstoff, den die einen wie die andern
verweriet haben. Die ältern Forscher wie Gierke zogen ihre
Schlüsse aus den Zunftbriefen, -ordnungen und den allgemeinen
städtischen Festsetzungen, die, wie wir schon bemertkten!), viel
Theorie der Heit enthalten. Aus diesen Ordnungen, welche vorschreiben,
 daß das einzelne Zunftmitglied seinen KZunftgenossen
in der Produttion gleichgestellt sein, z. B. nicht mehr als zwei bis
vier Gesellen haben, sich so und so verhalten solle, wurde der die
Zunfthandwerker beherrschende Geist, wurden die Zustände, die
Vermögensverhältnisse der Zunfthandwerker erschlossen. Man
nahm an, daß dem, was vorgeschrieben war, die Zustände auch
entsprochen hätten. Dann aber wurden andersartige Quellen
zugänglich gemacht und verwertet, so die Steuerbücher und weitere
 Aufzeichnungen über die tatsächliche Lage der einzelnen
Handwerker. Einer der ältern Forscher, Schönberg, hat sich selbst
als Führer an der Erschließung dieser neuen Quellen beteiligt,
mit seinen „Finanzverhältnissen der Stadt Basel im 14. und
15. Jahrhundert“ (1879). Ihm folgte K. Bücher mit seiner „Bevölkerung
 von Frankfurt a. M. im 14. und 15. Jahrhundert“
Bd. I (1887) und andre. Die Durchforschung dieser neuen Quellen,
 die ein genaueres Urteil über die tatsächliche wirtschaftliche
Lage der einzelnen Handwerker zulassen, ergab eine abweichende
Schätzung des alten Zunftwesens?). Es hat sich herausgestellt,
1) S. oben S. 422.
2) Von den hierher gehörigen Arbeiten seien außer denen von
Bücher und Schönberg genannt: F. Eulenburg, Zur Bevölkerungsund
 Vermögensstatistik des 15. Jahrhunderts, Ztschr. f. Soz.- u. W.G.
Bd. 3, S. 424 ff.; Derselbe, Drei Jahrhunderie städtischen Gewerbewesens
 (Zur Gewerbestatistik Alt-Breslaus 1470-1790), V.j.schr. f.
Soz.- u. W.G. 1904. S. 254 ff.;. Derselbe, Städt. Berufs- u. Ge-
            
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