Full text : Probleme der Wirtschaftsgeschichte

VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 492
Über die speziellen Voraussetzungen, die politischen und
sozialen Anschauungen, von denen ja jeder Mensch abhängig. ist,
über die, sagen wir, Tendenzen, mit denen die Entstehung der
Sombartschen Thesen zusammenhängen mag, will ich mich. nicht
äußern. Aber einige Dinge möchte ich hier zur Sprache bringen,
die insbesondere den Historiker interessieren.
Sombarts höchst moderne These fand eine Stütze an der
grundherrlichen, hofrechtlichen Theorie, die man früher als den
Gipfel der Weisheit ausgab, mit der man so ziemlich alles. zu
erklären suchte, die inzwischen zwar widerlegt ist, die sich aber
doch noch immer einiger Beliebtheit erfreut, besonders bei einigen
Nationalökonomen (wie namentlich Schmoller). Aus ihr stammt
die Überschätung der Ministerialität in den Städten und ihres
städtischen Grundbesitzes, die für Sombart verhängnisvoll geworden
 ist. Aus ihr stammt ebenso die unrichtige Schätzung der
Grundbesitzverteilung innerhalb der Bürgerschaft: Sombart
läßt die Handwerker erst von den Patriziern Grundbesitz erwerben,
 während wir schon in der ältesten Zeit Handwerker
als Grundbesißer finden. Grundherrliche Theorie ist endlich
das Zusammenwerfen der Landesherren mit bloßen Grundherren,
 bezw. die Behandlung der Landesherren als bloßer
Grundherren. Sombart hat sich für seine These einfach die
Behauptungen angeeignet, die noch immer in manchen Kreisen
kursieren.
Wenn er insofern an Vorhandenes anknüpft, sso gilt das
ebenso von seinem methodologischen Grundsatz: die wirtschaftgedient
 habe. Allein das konnte doch nicht sein Ernst sein. Denn
welchen Zweck hätten sonst seine scharfen Urteile über Bücher usw.?
Ferner machte er geltend, daß er Wirtschaftstheorie, nicht Wirtschaftsgeschichte
 vortragen wolle. Kann denn aber etwas in der einen wahr,
in der andern unwahr sein? Zweierlei Wahrheit? Val. hierzu oben
S. 172 u. 191. Über meine Abhandlung über die Frage der Großhändler
 sagt Sombart (S. 177 Anm. 2): „Die ökonomische Ratio
geht hier . .. mit dem Quellenmaterial parallel.“ Eine solche Übereinstimmung
 muß immer erstrebt werden. Natürlich kann kein Zweifel
darüber bestehen, daß das Quellenmaterial als der mächtigere Faktor
zu verehren ist.
            
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