Full text: Nationale Bodenreform

Ik 10. Oktober 1890, als er schon vom Kaiser zum 
Finanzminister ernannt worden war, mußte ich 
über eine andere Angelegenheit mit ihm sprechen. Ich 
habe dabei Veranlassung genommen, ihm für die Steuer- 
reform, die er damals vorbereitete und später mit so 
großem Erfolge durchgeführt hat, die Wünsche der Bo- 
denreformer ans Herz zu legen. Der Minister hat die 
Freundlichkeit gehabt, mir über seine Absichten sehr aus- 
führliche Mitteilungen zu machen. Er sagte, daß was 
jetzt beabsichtigt sei, nur eine Verschiebung der Lasten 
von den Schultern der schwachen auf die der Mehrbe- 
güterten herbeiführen solle. Wenn der Liberalismus, 
von Einzelheiten abgesehen, sich dem entgegensetze, würde 
er sich selbst sein Grab graben. Er sprach sich dann für die 
Selbsteinsschätzung der Einkommensteuer aus, die sich in 
einer Reihe von anderen Staaten bewährt habe. Es sei 
jetzt mehr nötig als je, das öffentliche Rechtsbewußtsein 
durch Selbsteinschätzung zu verschärfen. 
Als ich auf die großen Mängel der Grundsteuer hin- 
wies, sagte er, daß die Grund- und Gebäudesteuer in der 
Tat den Verhältnissen gegenüber ungenügend sei. Man 
habe dieser Steuer bisher in Stadt und Land nur den 
Nutzungwert zugrunde gelegt. Jn den Städten sei sie 
nach dem Mietertrage und auf dem Lande nach dem land- 
wirtschaftlichem Ertrage berechnet worden. Zwischen bei- 
Arten von Grundftücken läge noch ein drittes, das sei die 
Baustelle. Jc< sagte, daß die Baustellen jetzt durch die 
Steuer hindurchschlüpften. Sie lieferten weder einen 
Mietertrag noch einen landwirtschaftlichen Ertrag und 
blieben trotz der an ihnen erzielten oft riesenhaften Er- 
träge beinahe steuerfrei. Während der ehemalige Acker 
als Baustelle im Werte auf das hundertfache gestiegen 
sei, würde die Grundsteuer dafür noch immer mit weni- 
gen Pfennigen erhoben wie für einen geringwertigen 
Acker. 
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