Full text: Bevölkerungslehre

4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 1 35 
können, weil alle Plätze besetzt sind, so muß notwendig die Erde 
sich selbst reinigen, damit sich die Menschen nach Verminderung 
ihrer Zahl bequemer ernähren können!). Auch Campanella hat 
dem Bevölkerungsproblem eine beträchtliche Bedeutung beigemessen. 
Freilich lebte er unter dem Einflusse der damaligen Verhältnisse in 
Spanien und hat demgemäß vor allem den dortigen Rückgang an 
Volkszahl und Ackerbau betont 3). 
In dem deutschen Reformationszeitalter begegnen wir 
nur wenigen Äußerungen über diese Frage. Luther hat über das 
Volkswachstum sehr optimistisch gedacht und das gleiche gilt auch 
von Eberlin von Günzburg. Sie haben beide die Ehe in jungen 
Jahren empfohlen, ohne die Frage zu erörtern, ob bei den damaligen 
wirtschaftlichen Zuständen ein zu starkes Volkswachstum nicht ge- 
wisse Schäden nach sich ziehen könne. Jolles hat dazu bemerkt: 
„Während man auf der katholischen Seite den ethischen Radikalis- 
mus und die Askese mit allen nur möglichen Gründen verteidigte, 
ewige Keuschheit, Fasten und Sichkasteien als erstrebenswürdige 
Tugenden, ja die Ehe selbst gewissermaßen als Sünde hinstellte, 
sehen wir die gegnerische Partei ebenfalls aus theologischen Gründen 
das Cölibat als physiologisch und ethisch verwerflich bekämpfen“ 3. 
Freilich hat in dieser Zeit bereits ein anderer deutscher Schriftsteller, 
Sebastian Franck (1500—1545), in seiner „Germaniae chronicon“ 
Sätze ausgesprochen, die auf einen ganz anderen Ton gestimmt 
waren, Man kann aus ihnen erkennen, wie dicht relativ damals 
Deutschland schon bevölkert gewesen sein muß. Es heißt bei ihm: 
„Die lender geben aller welt volck gnüg /und ist dannoch allzeit 
mit solchem überfluß besetzt / das dörffer und stett zerrinnen wöllen / 
und die gütter und herberg in ein Sollch aufschlag kommen / das 
kaum höher mag/das ich halte/wo nit Got den Krieg scheidet / 
und ein sterbend drein kompt/des wir wider einmal /wie vor etwa 
durch loß oder ander weg außgemustert / wie die Zigeuner andere 
Land zu suchen müssen auß ziehen / und glaub sicher hundert mal 
tausent man / mit samt iren weib / kind und anhang / wolten wir 
Teutschen wol gerathen / und gantz Ungerland /so es uns Gott gebe / 
N) Discorsi, II 5. 
2?) Vgl. dazu F. Meinecke, Die Idee der Staatsräson i. d. neueren Geschichte, 
1924, S. 133 ff. 
%) O. Jolles, Die Ansichten d, deutschen nationalökonomischen Schriftsteller 
d. 16, u. 17. Jahrhunderts über Bevölkerungswesen, Jahrb. f. Nat. u. Stat., N. F., 
Bd. ı3.
	        
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