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kann nicht eine beliebige Gegenüberstellung von Posten entgegen-
gesetzten Sinnes einfach dadurch zum Konto machen, daß man über
die Eingangsseite Soll, über die Ausgangsseite Haben schreibt. Der
Kontobegriff verlangt einen Kontoinhaber; dingliche Begriffe, wie
Geld, Waren können nicht Inhaber von Konten sein. Insbesondere
verlieren die Kennzeichnungen Soll und Haben den persönlichen
Sinn, den sie doch ohne Zweifel haben und dem sie ihre Anwendung
verdanken. Man sieht sich daher genötigt, diesen Sinn preis _zu
geben. „Soll und Haben sind in der doppelten Buchhaltung nur kon-
ventionelle Zeichen, die ihre eigentliche Bedeutung verloren haben“,
sagen Reisch und Kreibig in ihrem Buche „Bilanz und Steuer“. Diese
und andere Fachschriftsteller geben zu, daß man statt Soll und
Haben richtiger Empfangen und Gegeben sagen müßte. Dies jedoch
sind Kennzeichnungen der Bestandverrechnung, des Skontros. Es
entstehen auf diese Weise nicht Konten, sondern unvollständige
Skontren, unvollständig deshalb, weil sie nur Wertbeträge angeben
und weil in diesen, wenigstens was das Geben von Waren u. dergl]l.
anbelangt, Bestandteile enthalten sind, die dem Namen des Skontros
nicht entsprechen (Arbeit, Gewinn), so daß diese Skontren oder
Konten den Wert des Bestandes im Sinne seines Einkaufswertes
nicht angeben und nicht angeben können. Diese Konten nun, die
man Bestandkonten nennt, werden zusammengeschlossen durch
ein Kapitalkonto oder eine Mehrzahl derselben. Bestandkonten
(aktiv) weniger Bestandkonten (passiv) = Kapitalkonto. Auch
letzteres wird mit Soll und Haben überschrieben und da sich hier
der Bestandbegriff nicht gut anwenden läßt — die Aktivbestände
müßten hier im Haben, die passiven im Soll stehend gedacht wer-
den —, so bleibt hinsichtlich des Kapitalkontos die persönliche Be-
deutung, wenn auch nicht klar ausgesprochen, in Geltung. Daraus
aber ergibt sich ein Zwiespalt der Bestand- und der Kontenauffas-
sung. Wenn z. B, der Unternehmer 50000 Mark in Bar einlegt, so
wird diese’ Summe in das Haben des Kapitalkontos gebucht, zu-
gleich aber in das Soll des Bestandkontos Kassakonto. Der Unter-
nehmer ist ohne Zweifel Geber, wer ist Empfänger? Wenn weiter
ein Kunde 1000 Mark einschickt, so werden sie in sein Haben. ein-
gestellt, zugleich auf die Soll-, die Empfangsseite des Kassakontos
hinter die 50 000 Mark des Unternehmers. Wer empfängt diese 1000
Mark? Ist es der Unternehmer? Können aber die 50000 Mark in
dem einen Falle von ihm gegeben; die 1000 Mark im anderen von
ihm empfangen sein? Auf dem Kassakonto stehen sie auf derselben
Seite. Bedeutet Soll = Empfangen lediglich Eingang, Haben —
Gegebene lediglich Ausgang, so ist die doppelte Buchhaltung eigent-
lich gar keine solche im Sinne einer doppelten Kontenführung; es
handelt sich nur um eine besondere Art der Skontrenbildung. Will
man aber den Kontobegriff nicht preisgeben, und das Kapitalkonto
nötigt dazu, ihn zu erhalten, so sind auch Empfangen und Gegeben
Ausdrücke persönlicher Wechselbeziehungen. Der Empfang setzt
ein Geben, daher einen Geber, das Gegeben ein Nehmen, daher einen