V. Überstaatliche Bindungen des Jchs
täuschende Rückschläge empfindlicher als die deutschen Volksge-
nossen.
Damals erhob sich vor ihnen, den Neulingen im deutschen Ge-
meinschaftsleben, in ehrfurchtgebietender Größe und Würde die
Gestalt des alten, des weltbürgerlichen Goethe. Der junge Goethe
hatte dem Judentum gegenübergestanden mit den Gefühlen des
18. Jahrhunderts, also hochmütig ablehnend. Jetzt stand er fast
schon wie ein Fremdling im eigenen Volk: er verstand das neue Ge-
schlecht nicht, und das neue Geschlecht verstand ihn nicht. Dem eige-
nen Sohn hatte er das völkische Rückgrat gebrochen, indem er ihn
verhinderte, mit den Weimarer Freiwilligen ins Feld zu ziehen und
vielleicht etwas zu erleben, was seinem künftigen Erdendasein
Haltung und Gehalt hätte geben können; oder aber, wenn er fiele,
den glänzendsten Namen deutscher Zunge zum Pfande zu setzen
für Freiheit und Zukunft des eigenen Volkes. Besser, als sich zu
Tode zu saufen, wäre das immerhin gewesen.
Aber der Herr Geheimbde Rat von Goethe hatte für den Sol-
datenstand zeitlebens nur die Empfindungen des 18. Jahrhunderts.
Für die „Revolution von oben““, die hohe Militärs mit einem Trop-
fen Abenteurerblut in den Adern, die die York, Scharnhorst,
Blücher, Gneisenau und andere im Winter und Frühjahr 1813
machten und durch die sie dem Schwächling auf dem Hohenzollern-
thron die Krone erhielten, hatte er wenig oder gar kein Verständnis.
Zwischen ihm und dem werdenden Staatsvolk der Deutschen, das
sich erstmals zu fühlen begann, tat sich eine Kluft auf, die sich lange
Zeit nicht schließen wollte. Er selbst flüchtete damals und in den
Folgejahren vor den Händeln dieser Welt gern in die böhmischen
Bäder. Dort ließ er sich denn auch die Verhimmelung und Ver-
hätschelung durch reiche und gebildete Jüdinnen nicht ungern ge-
fallen, die dann seine ersten Prophetinnen wurden.
Dadurch kamen die Juden der geistig führenden Oberschicht zu
Goethe in ein besonderes Verhältnis. Sie, die im 18. Jahrhundert
noch außerhalb der deutschen Volksgemeinschaft gelebt hatten, traten
dem alten Goethe unbefangener gegenüber als seine deutschen
Landsleute. Wie die Juden aus der Enge des Ghettos in die Weite
der deutschen Volksgemeinschaft vorgeschritten waren, so war Goethe
vor ihnen aus der Enge der bürgerlichen Schicht zur freieren Höhe
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