V. Überstaatliche Bindungen des Jchs t
an einem Beispiel klar werden, das den Ausführungen des Moritz
Goldstein entnommen ist. Da heißt es, nicht ohne einen grollenden
Unterton: „„Wir mögen nun Max Reinhardt heißen und die Bühne
zu ungeahntem Aufschwung beflügeln oder als Hugo von Hoffmannsthal
einen neuen poetischen Stil an Stelle der verbrauchten
Schillerschen Bildersprache setzen oder als Max Liebermann die
deutsche Malerei führen: wir mögen das deutsch nennen, die andern
nennen es jüdisch. .. und wenn sie schon die Leistungen ~ mit Vorbehalt
— anerkennen müssen, sie wünschen, wir leisteten weniger“".
Die Stelle ist lehrreich, weil uns ein Abstand von einem Dutzend
Jahren den Unterschied zwischen deutscher und jüdischer Führereinschätzung
noch deutlicher erkennen läßt, als es bei Verkündung dieser
Ansichten möglich war. Was das jüdische Ich von Moritz Goldstein
hier als wesentlich für die deutsche Kultur empfindet – das
deutsche Ich empfindet es höchstens als etwas, was für die deutsche
Kultur einmal eine zweite Rolle gespielt hat. Was heißt das, ,,die
deutsche Bühne zu ungeahntem Aufschwung beflügeln?‘“ Was ist
heute von dieser ganzen ,„Beflügelung“", die zu ihrer Zeit auch von
deutschen Ichs rechtschaffen überschätzt worden ist, geblieben? Und
Liebermann — „,,führt‘““ der wirklich die „moderne‘“ Malerei? Oder
hat er sie, vor einem Dutzend Jahren, etwa ,,geführt‘‘? Man kann
auch als Deutscher Liebermann sehr hoch schätzen, namentlich als
Techniker des malerischen Schauens, aber wenn von Führung die
Rede ist, so denkt das deutsche Ich an Männer wie Feuerbach, Böcklin,
Menzel, Thoma weit eher als an Liebermann, und zwar nicht von
wegen ihres „germanischen Gemüts“’, wie Goldstein anzunehmen
geneigt ist – von „Gemüt“! hatten die ersten drei nicht eben viel
sondern nur auf Grund eines völkischen Gemeingefühls, das
nicht in einem, sondern in vielen Jahrhunderten erwachsen ist und
das das jüdische Ich in voller Echtheit noch gar nicht haben kann.
Darum hat das deutsche Ich auch gar nicht das Gefühl, Hoffmannsthal
habe einen „neuen poetischen Stil“’ an Stelle der ,verbrauchten““
Schillerschen Bildersprache gesetzt. Die Sprache Schillers ist
gewiß nicht mehr die unsere, auch in der Dichtkunst nicht mehr. Aber
verbraucht ist sie für uns Deutsche darum keineswegs. Sie hat
für uns ihren unermeßlichen Wert darin, daß sie höchstgesteigerte
Ausdrucksmöglichkeit einer Zeit war, der wir, als der klassischen
Harms, Das Ich und der Staat 7
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