Full text : Das Ich und der Staat

V. Überstaatliche Bindungen des Jchs 123
Nur mit allergrößter kritischer Vorsicht ist zu verwerten, was
ein Ich über die Art und Weise erzählt, wie es seinen Gott erlebt
haben will. Und um so mehr Vorsicht ist am Platze, je freigebiger
das Ich mit seinen Erzählungen ist.
Als feststehend darf nur die Tatsache gelten, daß jedes Ich sich
selbst im Traum erlebt. Und als ebenso feststehend dürfen wir die
Tatsache gelten lassen, daß jedes Ich, früher oder später, öfter
oder nur einmal im Leben, „,.seinen Gott erlebt’, das heißt, das
Alleinsein mit dem ungebundenen und unbegrenzten Allwesen fühlt,
von dem es ein Teil ist.
Einigen wenigen hilft über diese kritischen Punkte im Leben,
einschließlich des Schlußpunktes, Philosophie hinweg. Die Masse
aber, in deren Unterbewußtsein eine Ahnung des jedem Ich bevorstehenden
 Erlebnisses schlummert, kann mit Philosophie nicht viel
anfangen. Sie braucht, um den Gedanken an das ertragen zu können,
 was noch sein wird, wenn das Ich nicht mehr ist, Massenphilosophie,
 Religion.
Religion ist für das Massenteilchen Ich, was Philosophie für
das einsam denkende Ich ist. Der Glaube, daß jede Wirkung ihre
Ursache habe, drückt philosophisch ungefähr das Gleiche aus, was
der Satz „Ohne Gottes Willen fällt kein Sperling vom Dache““
religiös ausdrückt.
Philosophie und Religion, beide haben ihre Wurzeln in der Ehrfurcht
vor dem, was nicht an die Formen persönlichen Daseins gebunden,
darum mehr als Persönlichkeit ist. Was das gebundene Ich nicht begreifen,
 wohl aber ahnend verehren kann. Allgegenwärtig, ewig,
allmächtig — es sind stammelnde Bezeugungen der Ehrfurcht vor
einem Wesen, das den allgemeinen Beschränkungen menschlichen
Daseins nicht unterworfen ist.
Daß das Allwesen noch sein werde, wenn das Ich nicht mehr ist,
bezweifelt das Ich nicht. Die bange Frage ist nur: was werde „„Jch““
dann sein? Mit dieser Frage meldet sich das religiöse Massenbedürfnis,
 und die mehr oder minder befriedigende Antwort darauf gibt
der Totenkult, den keine Religion entbehren kann und worin sie sich
auf ihre Weise mit dem „„Leben nach dem Tod““ auseinandersetzt.
Das junge Christentum hat sich „„die Welt“‘, will sagen die Welt

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