VI. Deutsche Diesseitsreligion 117
einer staatlichen Lebensform entbehren könnte. Zu stark doch ist
sie andererseits schon durchorganisiert, als daß noch irgendein Ich,
um für die Menschheit zu wirken, dies Zwischenglied beiseiteschieben
könnte.
\Ist der Staat das Organ, wodurch das Ich für die Menschheit
wirkt und die Menschheit das Ich für ihre Zwecke ausnutzt; so ist
kein Staat sich Selbstzweck. Was allen denen zur Beruhigung dienen
mag, die unglücklich werden, wenn sie sich restlos einem Staate
der Deutschen hingeben sollen!
Noch weniger aber ist das Ich dann sich Selbstzweck. Sondern
Zweck des Ichs ist, durch das Organ des Staates für die Menschheit
zu wirken.
Indem das Ich seine eigene Persönlichkeit, als dienendes Glied
im lebendigen Organismus Staat, zur denkbar höchsten Vollkommenheit
entwickelt, trägt es das Seine dazu bei, auch die Staatspersönlichkeit
zur denkbar höchsten Vollkommenheit emporzutreiben.
Mehr kann kein Ich für die Menschheit tun.
Ein Ich, das dies, nach Maßgabe der ihm verliehenen Gaben
und auf dem Platze, darauf es gestellt ward, leistet, hat aber auch
genug getan. Die bange Frage: „„Was wird aus mir nach meinem
Tode?““ braucht dies Ich nicht zu bekümmern.
Denn wenn das Ich sich nicht Selbstzweck ist, wenn es der
Lebenszweck des Ichs ist, dem Organismus höherer Ordnung Staat
nach Maßgabe der ihm verliehenen Kräfte zu dienen, so hat es
seinen Sinn erfüllt, wenn es die Summe dieser Kräfte in einem
Leben für den Staat, für die völkische Schicksalsgemeinschaft aufgezehrt
hat. Das Ich, das solch ein Leben vollster Pflichterfüllung
hinter sich hat, darf beruhigt heimkehren in den Mutterschoß des
raum- und zeitlosen Allwesens, woraus es hervorgegangen ist.
Nach der christlichen Auffassung ist sich das Ich in seinem diesseitigen
Leben allerdings Selbstzweck, insofern, als es, streng genommen,
ja nur der Vorbereitung auf sein eigenes jenseitiges
Dasein zu leben hat. Niemand kann aber doch im Ernst bestreiten
wollen, daß das Christentum sich, in der ganzen Strenge und Reinheit
seiner Lehre und seiner Forderungen, dem Leben von heute
gegenüber nicht mehr durchzusetzen vermag. Zu frisch stehen doch