1 VI. Deutsche Diesseitsreligion
gerade wir Deutschen noch unter dem Eindruck, wie sehr die christlichen
Kirchen im Krieg und in den bösen Jahren nach dem Kriege,
gemessen an den Forderungen ursprünglichen Christentums, versagt
haben. Wohl mögen sich einzelne Vertreter des Christentums
gerade in dieser schlimmen Zeit besonders bewährt haben. Von den
Kirchen aber, als den heute noch maßgeblichen Lebensformen des
Christentums, kann man das beim besten Willen nicht behaupten.
Geschrieben steht nun einmal: Du Follst nicht töten. Kann ein
gläubiger Christ sich Christus vorstellen, wie er für den Erfolg der
Waffen eines Volkes über die eines andern betet? Und kann eine
Haltung, worin ein gläubiger Christ sich Christus nimmermehr
vorstellen kann, noch christlich genannt werden? Aber welche christliche
Kirche hätte gegen das Massentöten Widerspruch erhoben?
Welche hätte es ihren Dienern strikte verboten, für den Erfolg des
Massentötens zu beten? Zugegeben: sie alle konnten nicht anders.
Aber in der größeren oder geringeren Bereitwilligkeit, womit sie
sich ins Unvermeidliche fügten, liegt doch das Eingeständnis: daß
Forderungen des Christentums, die alle christlichen Kirchen vertreten,
für das menschliche Ich von heute nicht mehr höchste und
letzte Forderungen sind. Daß es ein Etwas gibt, was dem Ich
h öher steht als selbst sein Christentum.
Zwar hat die Leitung der römisch-katholischen Kirche während
des Krieges einmal den dankenswerten Versuch gemacht, im Sinne
reinen Christentums einzugreifen und den Frieden zu vermitteln.
Als der Versuch aber gescheitert war, hat sie sich schweigend beschieden.
Und als dann das himmelschreiende Unrecht geschah, als
die Kriegsgewinner den Verlierern gegenüber offenkundigen und
kaum bemäntelten Wortbruch verübten und Mitteleuropa unter den
Zwang eines Friedensdiktates stellten, das in niederträchtig-heuchlerischer
Form die Sklaverei wieder ins Leben der Gegenwart einzuführen
versuchte ~ da hat die Kirche diesem vergiftenden Treiben
gelassen zugeschaut und keine Spur des echt christlichen Dranges
zu erkennen gegeben, das Recht zu schützen und dem Unrecht zu
wehren, auch auf die Gefahr hin, es mit den aufgeregten Kriegsgewinnern,
zumal im Stammland des Kirchenregiments, zu verschütten.
Die Haltung der Kirche mag in hohem Maße weltklug gewesen
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