VI. Deutsche Diesseitsreligion . J
sein, und eine Kirchenzucht, die es vermocht hat, sogar die deutschen
Katholiken dazu zu bringen, daß sie die Zurückhaltung der Kirche
schweigend als berechtigt anerkannten, verdient gewiß Bewunderung.
Nur — daß die Haltung der Kirche christlich gewesen sei, christlich
im Sinn des Rabbi von Nazareth, der die selig pries, die bereit
wären, um der Gerechtigkeit willen Verfolgung zu erleiden ~
das wird einem einfachen Gemüte schwer klarzumachen sein.
Und die deutschen protestantischen Kirchen ~ für sie spielte die
Frage „was werden wir essen, was werden wir trinken““ in den
schlimmsten Jahren nach dem Kriege eine so wichtige Rolle, daß sie
gar nicht dazu kamen, ihren Angehörigen das zu sein, was sie
ihnen nach altchristlicher Meinung gerade damals hätten sein müsssen.
Mit diesen Feststellungen soll weder gegen die römisch-katholische
noch gegen die protestantischen Kirchen ein Vorwurf oder gar eine
Anklage erhoben werden. Es soll nur noch einmal ausgesprochen
werden, was war und was jedes deutsche Ich, das es bewußt miterlebt
hat, dabei hat empfinden müssen.
Wohl kann man sagen: seit es Kirchen gebe, sei es nie anders
gewesen. Immer habe zwischen der reinen christlichen Lehre und
der Haltung der Kirchen im Weltgetriebe ein Widerspruch geklafft.
Das wird schon so sein. Aber nicht darauf kommt es an, wie lange
der Widerspruch schon da war, sondern darauf, wie die Massen sich
zu dem Widerspruch einstellen. Ob die Kirche ihnen soviel gibt,
daß sie den Widerspruch ertragen können; oder ob der klaffende
Widerspruch durch das, was die Kirche den Massen gibt und ist,
nicht mehr ausgefüllt werden kann. So autoritätsgläubig sind die
Massen doch schon längst nicht mehr, daß sie geneigt wären, sich
mit jedem Widerspruch abzufinden, nur weil ihnen gesagt wird:
dies muß so sein, denn es war schon immer so. Und was die katholische
Kirche ihren Massen vielleicht noch zumuten kann > die
protestantische kann und darf es ihnen nicht zumuten.
Q Es ist nun einmal so, und es ist an der Zeit, der Tatsache ohne
Selbstbetrug ins Auge zu schauen: daß die Jenseits-Religion des
Christentums den Menschen von heute nicht mehr so voll auszufüllen
vermag, wie sie Millionen noch zur Zeit Luthers und erst
recht in den ersten Jahrhunderten ausgefüllt hat. Wie viele von
denen, die sich einer christlichen Kirche zurechnen und als bewußt
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