II. Das Jch in staatlicher Erziehung
nur wird es, sobald es sich seiner Denktätigkeit: bewußt wird, den
Denkinhalt unwillkürlich in Worte fassen. Ja, das Wort beherrscht
die Denktätigkeit schließlich so sehr, daß ein literarisch gebildetes Ich
sich einer Vorstellung kaum mehr bewußt wird, ohne sogar das
Schriftbild des Wortes vor sich zu sehen, womit die Vorstellung in
der Sprache bezeichnet wird.
Welche Wege die innere Entwicklung des Ichs hier im Einzelnen
einschlägt, kann auf sich beruhen bleiben. Maßgebend ist, daß das
Denken des Ichs mit fortschreitender Entwicklung immer abhängiger
wird von der Sprache. Soll also die Verkehrsform der Sprache
nicht das Denken des Ichs zuletzt völlig beherrschen, so wird das
Ich beizeiten lernen müssen, die Sprache vollkommen zu beherrschen.
Formale Beherrschung der Muttersprache, bis in die letzten Möglichkeiten
des Ausdrucks hinein, die sie bietet, ist für das Ich, das als
dienendes Glied im Staat und mit dem Staate leben soll, eine
Notwendigkeit.
Der formale Bildungswert der Mathematik liegt in der Möglichkeit,
das Ich zur Klarheit und Folgerichtigkeit des Denkens, sozusagen
im Verkehr mit sich selbst zu erziehen; der formale Bildungswert
der Sprache liegt in der Möglichkeit, es zur Klarheit und
Folgerichtigkeit des Denkens im Verkehr mit andern Ichs zu erziehen.
Wie nötgi gerade dem deutschen Ich diese Erziehung isst,
kann und braucht hier nicht ausführlich begründet zu werden. Doch
stehe ein Beispiel, das jedem von uns im Kriege und in den Nachkriegsjahren
tagtäglich aufgestoßen ist, hier für beliebig viele. In
unzähligen Todesanzeigen, auch aus sogenannten gebildeten Kreisen,
marschierte „das im Felde zugezogene Leiden‘’, oder gar das „im
Felde sich zugezogene Leiden‘“ auf, woran der Gatte, Sohn oder
Bruder gestorben war. Die leichtflüssige Formung „„an einem
Leiden, das er sich im Felde zugezogen hatte, starb ...'" bringt auch
der gebildete Normaldeutsche schriftlich so leicht nicht fertig. Sein
Denken unterliegt da innern Hemmungen, die es ihm auch sonst
in den meisten Lagen schier unmöglich machen, sich einfach, klar
und gemeinverständlich auszudrücken.
Es ist ein Nationalübel. Der Deutsche denkt in Substantiven.
Allenfalls in Adjektiven, die das Substantivum näher erläutern.
Wie die Soldaten, die er nicht mehr hat, läßt er sie immer noch in
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