1 II. Das Jch in staatlicher Erziehung
langen, endlosen Reihen aufmarsschieren, bis seine Gedanken über
ihre eigenen Beine stolpern. Daß die Sprache, um Bewegung aus-
zudrücken, eine besondere Wortform, das Verbum, ausgebildet hat,
das hat der Normaldeutsche vergessen, wenn er's je gewußt hat.
Unter dieser Schwerfälligkeit der Formung leidet aber mit Natur-
notwendigkeit das Denken selbst. Wenn das Denken schon an die
Form der Sprache gebunden ist, so muß es da verkümmern, wo die
Form nicht rasch und leicht genug gehandhabt wird, um dem
natürlichen Tempo des Denkens folgen zu können. Einem Volke,
das minder schwerfällig und begriffsstutzig in seinem
Denken gewesen wäre, als das deutsche, hätte die flinke
und gewandte Lügenpropaganda des Landesfeindes im
Kriege nicht halb so zusetzen können, wie sie es uns getan
hat. Und man soll nur nicht überlegen lächeln, wenn auch hieraus
und gerade hieraus die Notwendigkeit abgeleitet wird, den Unter-
richt in der Muttersprache, als einen organischen Bestandteil staat-
licher Erziehung, mit ganz andern Augen anzusehen, als es bisher
auch da üblich war, wo man ein Herz für die Muttersprache hatte.
Entweder, die Masse deutscher Ichs lernt sich geistig fixer drehen
und wenden, als es des Landes bisher der Brauch war, oder das
Tempo des Lebens der Kulturmenschheit, das sich von Jahr zu
Jahr — nicht mehr von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, oder gar erst von
Jahrhundert zu Jahrhundert! ~ merkbar steigert, geht doch noch
über uns hinweg.
Man kann eine Fähigkeit — glücklicherweise! ~ nicht formal
ausbilden, ohne ihrer Betätigung einen Inhalt zu bieten. Man
wird, schon um kostbare Jugendkraft nicht unnütz zu vergeuden, bei
der staatlichen Erziehung streng darauf zu achten haben, zur for-
malen Bildung unentbehrlicher Fähigkeiten nur solchen Stoff zu
verwenden, der für das praktische Leben gleichfalls unentbehrlich ist.
Also bei der Mathematik nur das, was jedermann wissen muß, um
mit dem Tempo des Lebens von heute Schritt halten zu können.
Und bei der Sprache? Kein Ich wird eine Sprache, auch seine
Muttersprache nicht, völlig beherrschen lernen, wenn es nur von
außen her in die Mechanik ihres grammatischen Gefüges eingeführt
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