II. Das Jch in staatlicher Erziehung 5
wird. Auch die Sprache ist ein lebendiger Organismus, und Herr
wird ihrer nur, wer sich ihren Geist von innen heraus erobert.
Ein Gewordenes, in ständiger Wandlung Begriffenes kann ich
mir von innen heraus nur erobern, wenn ich in die Vergangenheit
zurückgehe. Wie weit, darüber mag man streiten, aber zurückgehen
muß ich. Wir sprechen schon anders als Gottfried Keller und
Gustav Freytag sprachen. Keller und Freytag sprechen anders als
Kleist und Grillparzer sprachen, Kleist und Grillparzer anders als
Goethe und Schiller. Goethe und Schiller anders als Lessing,
Lessing anders als Luther. Aber auch vor Luther gibt es klassische
Denkmäler deutscher Sprache, einer Sprache, die noch nicht fest
aufs Papier gebannt war und nur durchs Auge einging; einer
Sprache, die den Zeitgenossen noch lebendig ins Ohr klang, mit einer
Melodie, wofür uns das Gehör fast völlig abhanden gekommen ist.
In dieser mittelhochdeutschen Sprache sang Walther von der Vogelweide
seine Lieder und Sprüche, ward Nibelungenlied und Gudrun
gedichtet. Und dahinter ragt, als ein düsterer und ehrwürdiger
Trümmerblock, das althochdeutsche Hildebrandslied auf, worin uns
vielleicht ein Stück aus uraltem, indogermanischem Erbe künstlerisch
gestaltet erhalten blieb. Daneben steht die gotische Bibelübersetzung
des Wulfila, eine germanische Kulturtat, deren innerer Zusammenhang
mit der deutschen Kulturtat Luthers einem deutschen Ich, das
in die geistigen Grundlagen seines Staates, seines Volkstums
hineinwachsen soll, nicht vorenthalten bleiben dürfte.
Eine zusammenhängende, wenn auch nur lose zusammenhängende
Kenntnis des Werdens der Muttersprache, das ist die Forderung,
die sich aus der Notwendigkeit, die Muttersprache formal beherrschen
zu lernen, von selbst ergibt. Das Endergebnis aber ist, neben der
formalen Fähigkeit, die Herrschaft über eine Fülle geistigen Gehaltes,
die dem Ich, das ein brauchbarer, ein nützlicher Bürger des deutschen
Staates werden soll, genau so unentbehrlich ist wie die formale
Herrschaft über das geistige Verkehrsmittel der Sprache.
In der reinen Mathematik stehen die Raumgebilde zeitlos nebeneinander,
als gegebene Tatsachen, die das Ich hinzunehmen hat,
wie sie sind. Aus diesem ihrem Dasein einleuchtende Folgerungen
zu ziehen, ist die Aufgabe des mathematischen Denkens. Im gei-Q
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