IV. Das Jch als Masssenteilchen
gemeinen Besten. Für ihn ist die Gesamtmasse der Bevölkerung
zu unhandlich, ein leidlich geregelter und für die Gesamtheit nutzbringender
Gedankenaustausch kann hier nur in Gang kommen,
wenn sich zwischen Staat und Massenteilchen Ich die Massenorgane
der Parteien einschieben. Diese stehen einander gleichfalls wie
Persönlichkeiten gegenüber, und wenn auch Tätlichkeiten im innerstaatlichen
Verkehr ausgeschlossen sein sollten, so ist damit das
Handeln ja noch nicht ausgeschlossen. Parteien handeln, indem sie
soviel Masssenteilchen Ich, als sie mit sich fortzureißen. vermögen,
zu einheitlichen Willenskundgebungen befähigen. Diese Willenskundgebungen
gipfeln in der Regel in der Abgabe eines Stimmzettels,
bei der von der Staatsverfassung vorgesehenen Gelegenheit.
Aus diesem Daseinzweck der Partei geht unmittelbar hervor, daß
der Begriff Partei ~ wie übrigens der Begriff Zeitung auch ~
nur in der Mehrzahl denkbar ist. Diese Tatsache nicht nur praktisch,
sonder! auch theoretisch anzuerkennen, wird dem deutschen Ich,
unpolitisch wie es von Natur ist, ungemein schwer. Es findet sich
notgedrungen damit ab, daß es eine Mehrzahl von Parteien gibt,
aber es vermag sich nur schwer an den Gedanken zu gewöhnen, daß
die Einrichtung der Partei auch nur in der Mehrzahl daseinsberechtigt
ist. Es sieht nur zu gern die Aufgabe der Partei immer noch darin,
die Gesamtheit des Staates „mit ihrem Geiste zu erfüllen‘). Daß
das niemals die Aufgabe einer Partei sein kann, und daß jede Partei
nur solange daseinsberechtigt und lebensfähig ist, als ihr mindestens
eine andere Partei gegenübersteht, die sie bekämpft und die entgegengesetzte
Ziele verfolgt – das will dem deutschen Ich ohne
weiteres nicht einleuchten.
Die Folge davon ist, daß die parteipolitische Gegensätzlichkeit sich
zu gesellschaftlicher Gegensätzlichkeit steigert, die die Arbeit in der
politischen Kinderstube Deutschland nicht gerade angenehmer macht.
Beides hat seinen Ursprung in den eigentümlichen Verhältnissen,
unter denen der Staat der Deutschen ins Leben trat und ausgebaut
wurde. Der Schöpfer dieses Staates der Deutschen war, seiner
Natur und seinem Entwicklungsgang nach, außerstande, parteipolitische
Widerstände einfach als Staatsnotwendigkeiten hinzunehmen.
Er sah in den Parteien nicht lebensnotwendige Organe der innerstaatlichen
Entwicklung, sondern feindliche Mächte, die niederzu-72