74 IV. Das Jch als Massenteilchen
mit der Zeit zu verlieren ~ eine Auffassung, die politische Gegen-
sätze mit ethischen Gegensätzen gleichsetzte. Zugehörigkeit zur eigenen
Partei war gleichbedeutend mit gut, Zugehörigkeit zur Gegenpartei
war gleichbedeutend mit böse. Der Staat bestärkte, in kurzsichtiger
Bequemlichkeit, die Masse der wahlmündigen Ichs in der Auf-
fassung, daß es vor Gott und Menschen angenehm mache, re-
gierungsfromm zu wählen, und daß es von einer verwerflichen, um
nicht zu. sagen verbrecherischen, Gemütsanlage zeuge, seine Stimme
den Gegnern einer hohen Regierung zuzuwenden. Und die Oppo-
sition, die den Staat der Gegenwart grundsätzlich ablehnte und ihm
das Idealbild eines Staates der bessern Zukunft entgegensetzte,
bestärkte die Masse in der gleichen Auffassung, nur mit umgekehrtem
Vorzeichen. Für den ,,ziel- und klassenbewußten‘““ Sozialdemokraten
galt es als unehrenhaft, einem Zugehörigen „„der einen reaktionären
Masse‘‘ seine Stimme zu geben, ja nur mit ihm gesellig zu ver-
kehren. Die Parteizugehörigkeit färbte auf alle gesellschaftlichen
Beziehungen ab, und es wird dem deutschen Parteiwesen außer-
ordentlich schwer, aus dieser Sackgasse wieder herauszufinden.
Ein Führer, der zeitlebens nichts anderes zu tun hat, als die
Fahne irgendeines Programms hochzuhalten, verliert schließlich jedes
Augenmaß für die Bedeutung von Programmen überhaupt. Ein
„Parteiveteran“’, der die räumlichen Unterschiede politischer Ein-
stellungen – ob mehr rechts oder mehr links —~ mit ethischen
Wertunterschieden von gut und böse zu verwechseln sich gewöhnt
hat, kann es natürlich nicht fassen, wie jemand die Parteizugehörig-
keit wechseln kann! Dem Übergang von einer Partei zur andern
in England ein Vorgang, worüber sich niemand aufregt — haftet
in Deutschland immer noch der Geruch des Unerhörten an. In
England entwickelte sich der radikale Disraeli zum Reformator des
Torytums. Der konservativ gerichtete Gladstone ward Führer der
Liberalen. Joe Chamberlain, ursprünglich ein Heißsporn der Linken,
endete auf der Rechten. Lloyd George, linksliberal bis zum Sozialis-
mus in seinen Anfängen, entwickelte sich zum Vertrauensmann der
Diehards, und von da rückwärts zum Führer der noch übrig ge-
bliebenen Liberalen; wenn er nur außenpolitisch nicht so arge Dumm-
heiten gemacht hätte, der Übergang von einer Richtung zur andern
hätte ihm in England nicht im geringsten geschadet.