Full text : Das Ich und der Staat

IV. Das Jch als Massenteilchen 73
Dies Auf und Ab des Stimmungsbarometers gehört nun einmal
mit dazu. Zufriedenheit ist eine Quelle erhaltender Kräfte im
Staatsleben, die ergiebigste Quelle für die vorwärtstreibenden Kräfte
aber ist das Mißvergnügen. Beide Kraftquellen sind für die Gesunderhaltung
 des Staatslebens unentbehrlich. Im monarchischen Vorkriegsstaat
 war die Zufriedenheit, das satte Behagen am rasch sich
mehrenden Erwerb und an der stetigen Hebung der Lebenshaltung
ganzer Volksschichten, zu einseitig stark geworden. Die Parteien
waren erstarrt zu Interessen-Vertretungen der verschiedenen Wirtschaftsschichten,
 die um Sondervorteile auf Tod und Leben miteinander
 rauften, den Blick für die schicksalhaften Ziele und Gefahren
 der Volksgemeinschaft aber verloren hatten. Aus dieser
Erstarrung mußten wir einmal heraus, wenn wir als Staatsvolk
noch eine Zukunft haben sollten, und die Weltgeschichte liebt drastische
 Mittel, um untauglichen Organen klar zu machen, was sie
gutwillig nicht einsehen wollen. Unsanft, wie die Weltgeschichte
unsere Parteien und die zugehörigen Massenteilchen durcheinander
gerüttelt hat, ist es begreiflich genug, daß man ssich allerseits noch
nicht wieder zurechtfinden kann. Aber daraus, daß die Zeit des
Überganges für manche Partei und manches Ich unbehaglich im
höchsten Grad ist, darf noch nicht geschlossen werden, die Entwicklung
 sei auf falschen Wegen.
Gesund wird die Entwicklung sein, wenn sie sich vollzieht im
Sinne der veränderten Lage und Aufgabe des deutschen Staatsvolkes,
 das will sagen, wenn sie dazu mithilft, das Volk immer
mehr darüber aufzuklären: daß es hinfort nicht mehr aus einer
Wolke mystischen Gottesgnadentums Erleuchtung über seine Zukunft
erhoffen darf, sondern daß es in seiner eigenen Brust seines Schicksals
 Sterne suchen muß. Selbstregierung ist unlösbar verknüpft
mit Selbstverantwortung. Reibungen und Erschütterungen wird es
beim Hineinwachsen in diesen neuen Zustand immer geben. Gefährlich
 könnten sie nur dann werden, wenn die durcheinander gerüttelten
 Parteien sich zu Interessen-Vertretungen großer Wirtschaftsschichten
 rückbilden sollten; denn auf die Dauer läßt sich,
zumal im entwaffneten Staat, eine Wirtschaftsschicht von der andern
nicht regieren. Und auch die Möglichkeit des Wechsels schafft hier
keine gesunde Abhilfe. Wenn das einzige Ziel der Parteien ist, zur
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.