Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

; Bedeutung der Themawahl und ihre Praxis 
setzen und immer nur tiefer und tiefer bohren, wäre nicht 
die Art gedeihlicher Bestellung des Ackers. Ein zu enger 
Gesichtskreis führt bei der wissenschaftlichen Arbeit leicht 
zu Einseitigkeit und Kleinigkeitskrämerei. Er nimmt dem 
Geiste seine Schwungkraft und den offenen Blick für große 
Gedanken und umfassende Ziele. Selbst die Einzelforschung 
muß darunter leiden, wenn das Beweis- und Vergleichs- 
material einem zu eng beschränkten Kreise entnommen 
wird. 
4. Aus dieser ersten Regel ergibt sich die weitere 
Norm, stets ein genau und klar bestimmtes 
Thema: zu wählen, das eine Förderung der 
wissenschaftlichen Forschung durch die 
eigene Arbeit ermöglicht. Allerdings wird sich. in 
den meisten Fällen, wie Bernheim bemerkte, die genauere 
Fassung der Frage erst im Verlauf der Arbeit selbst er- 
geben’). Aber es ist doch von der größten Bedeutung, daß 
wir bei der Arbeit von Anfang an eine bestimmte Frage 
ins Auge fassen, deren Beantwortung uns Gelegenheit 
zu wahrhaft wissenschaftlicher Betätigung unserer Kräfte 
geben kann. 
Das unterscheidende Merkmal der eigentlichen wissen- 
schaftlichen Behandlung eines Gegenstandes ist, wie wir 
früher sahen (p. 106 —8), in der Förderung der Forschung 
durch die eigene Arbeit zu suchen. Eine solche wird aber 
kaum zu erhoffen sein, wenn man die Bestimmung seines 
Arbeitsgebietes dem Zufall oder dem herrschenden Her- 
kommen überläßt. Man muß zielbewußt Umschau halten 
und zusehen, auf welchem’ Teile eines Gebietes, auf dem 
wir unsere Kräfte erproben können, es noch eigene und 
neue Arbeit zu leisten gibt im Dienste der Wahrheit. Eine 
solche Umschau wird uns schon bald manche Fragen 
zeigen, deren Beantwortung einen passenden Stoff für 
unsere wissenschaftliche Arbeit bieten kann. Ist es auch 
nicht immer eine neuentdeckte und noch ganz unberührte 
Goldmine, so wird es doch vielleicht eine neue Ader des 
') E. Bernheim, Lehrbuch® 254, 
116
	        
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