Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

118 Bedeutung der Themawahl und ihre Praxis 
Studien immer mehr eine Verschiebung des Arbeitsgebietes von der 
altklassischen Literatur auf die spätere Zeit und die Schriftsteller der 
ersten christlichen Jahrhunderte bemerkbar. Aus Mangel an neuem 
und entscheidendem Material wird auch das vielbeackerte Feld der 
hebräischen Metrik gegenwärtig kaum noch Aussicht auf eine ergiebige 
Ernte bieten, trotz der unerschütterlichen Zuversicht stets neuer über- 
zeugter Metriker. 
Anderseits wird die erfolgreiche Behandlung eines Stoffes auch 
ihre Grenze finden in den Schranken, die der menschlichen Erkenntnis 
gezogen sind. In besonderer Weise trifft dieses zu bei so manchen 
theologischen Streitfragen, die immer wieder mit neuem Eifer in An- 
griff genommen und doch nie der Lösung näher gebracht werden. 
Auch hier wird eine systematische Wahl des Themas vor unnützer 
Zeit- und Kraft- und Arbeitsvergeudung bewahren. 
5. In Verbindung mit dieser Forderung verdient bei 
der Themawahl 'auch das Prinzip der wissenschaft- 
lichen Aktualität eine besondere Berücksichtigung. 
H. Vaihinger bemerkt darüber mit Bezug auf das Thema 
der schriftlichen Prüfungsarbeiten mit Recht: „Es ist sehr 
zweckmäßig, die Prüfungsthemata, wenigstens zum Teil, aus 
dem unmittelbar fluktuierenden wissenschaftlichen Leben 
der Gegenwart zu entnehmen. Hierdurch bekommt die 
Arbeit des Kandidaten selbst einen unmittelbar wissen- 
schaftlichen Wert, er hat den Vorteil, durch seine Arbeit 
an dem frisch pulsierenden Leben der Gegenwart teilzu- 
nehmen. Seine Arbeit macht ihm auch selbst viel mehr 
Freude, wenn sie in den lebendigen Strom der aktuellen 
Wissenschaft einmündet“ '). 
Derselbe Autor erläutert diese Aktualität des Themas auch hin- 
sichtlich seiner Formulierung durch einige Beispiele aus dem Gebiet 
der Philosophie: „Ich kann das Thema stellen: „Die Beziehungen des 
Euripides zur griechischen Philosophie, speziell zu Anaxagoras.“ Aber 
dasselbe Thema gewinnt ein viel lebhafteres Interesse, wenn ich es 
formuliere ...: „Mit welchem Recht nennt Nestle (‚Euripides‘ 1901) 
den Euripides den Dichter der griechischen Aufklärung?“ Ein anderes 
Beispiel: Ich kann das Thema stellen: „Der Lehrinhalt der Platonischen 
Dialoge Hippias minor, Laches und Charmides.“ Aber dasselbe Thema 
erregt das wissenschaftliche Interesse in viel höherem Maße, wenn ich 
es formuliere ...: „Ist die neuerdings (von E. Horneffer in seiner 
') H. Vaihinger, Die Philosophie in der Staatsprüfung (Berlin 
1906) 36. 
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