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Anleihezinsen auf bringen müssen, aber nur einen Teil, der Rest trifft die übrige
Bevölkerung. In welchem Ausmaß dies der Fall ist, hängt natürlich davon
ab, welche Steuern dazu dienen müssen, Zinsen und Rückzahlung zu bestreiten.
Indirekte Steuern treffen meist die ärmeren Schichten mehr als etwa direkte.
Dies sind aber Einzelheiten, auf die ich hier nicht näher eingehen kann.
Wir sehen daraus, daß wichtige soziale Veränderungen mit der Aufnahme
von Anleihen in Verbindung stehen können. Dabei muß man aber noch über
dies im Auge behalten, daß in unserem Beispiel die Rückzahlung der Anleihe
rasch erfolge, also solche weniger wohlhabenden Kreise die Lasten trugen,
die den Krieg erlebt hatten, und wohl auch den Vorteil erkannten,
der für sie schließlich darin bestanden hatte, daß sie nicht
während des Krieges mit einer schweren Kriegssteuer be
lastet wurden. Wenn aber zwischen der Rückzahlung der Anleihe und
der Aufnahme ein langer Zeitraum liegt, dann kann eine Generation mit Ver
pflichtungen belastet sein, welche vielleicht für die Verhältnisse, unter denen
die Anleihe aufgenommen wurde, kein rechtes Verständnis mehr hat oder gar
die Ziele des Krieges, zu dessen Führung die Anleihe auf
genommen wurde, grundsätzlich verwirft. Es kann dann
geschehen, daß die alten Schulden zu schweren inneren
Konflikten Veranlassung geben und breite Massen dazu
antreiben, die Verteilung der Lasten wesentlich zu ändern.
Es gibt daher nicht wenige Politiker, welche aus diesem Grunde eine zu lange
Rückzahlungspflicht nicht gutheißen, soweit es sich nicht um Erfolge handelt,
welche auch offenbar den folgenden Generationen in erheblichem Maße zugute
kommen. Es ist nicht dasselbe, ob die Nachkommen für einen Damm Annui
täten und Zinsen zahlen müssen, der, wie in Holland, ihr Land dauernd vor
Schaden bewahrt, oder für eine politische Maßnahme, deren Zweck nur kurze
Zeit gewürdigt wird und vielleicht auch nur von einem Teil der Bevölkerung.
Dies sind zwar nur psychologische Momente. Doch sie spielen bei Anleihe
aufnahmen keine unwichtige Rolle. Wenn eine Anleihe dazu dient, direkt
oder indirekt die Produktion anzuregen, oder die Einkommen eines Landes
sonstwie zu erhöhen, so kann die Rückzahlung und Verzinsung derselben relativ
leicht erfolgen. Das gilt auch, wenn die Anleihe selbst zwar nicht die Pro
duktion anregt, wohl aber zu einer Zeit aufgenommen wird, in der ohnehin
das Einkommen im Anwachsen begriffen ist. Anders, wenn die
Anleihe zu einer Zeit aufgenommen wird, in der die Einkommen zurückgehen
und sie die Erwerbsverhältnisse nicht verbessern hilft, das bedeutet für die Rück
zahlung eine schwere Last und hat in erster Reihe nur Einkommensversdiie-
bungen zur Folge ; der eine Teil der Bevölkerung verliert, was der andere
gewinnt.
Wenn man die Anleihen zu berechnen sucht, welche ein künftiger Welt
krieg nötig machen könnte, so kommt man oft zu Ungeheuerlichen Ziffern.
Manche Schriftsteller glaubten sagen zu können, daß die Aufbringung solcher
Geldmassen unmöglich sei, und daß diese Tatsache allein einen künftigen
Weltkrieg verhindere. Wie ich schon mehrfach erwähnte, ist letzteres Argument
nicht stichhaltig, weil ja die unmittelbare Beschaffung der zur Kriegführung
nötigen Mittel immer noch übrig bleibt, aber auch was die ungeheure Gesamt
summe anlangt, so muß darauf hingewiesen werden, daß die Anleihen, welche
ein Krieg notwendig macht, ja nicht auf einmal aufgenommen werden, und daß
das Geld, welches z. B. gelegentlich einer Inlandsanleihe auf
genommen wird, in kurzer Zeit wieder in den Verkehr zurück
strömt und neuerlich von der Anleihe pumpe auf gesaugt
werden kann. Es findet ein fortwährendes Zirkulieren von Geld statt,
wie wir es oben bei Besprechungen des Fullartonschen Prinzips kennen gelernt
haben. Die schematische Tabelle XII zeigt dies ganz deutlich.
Im ersten Zeitpunkt produzieren die Bürger A, B, C die Produkte a, b, c.
Jeder von den dreien habe 10 Notenmengen und eine Produktenmenge. Die
Regierung habe überhaupt kein Geld. Sie nimmt nun eine Anleihe von 15 Noten
mengen auf. Den drei Produktenmengen stehen wieder 30 Notenmengen gegen-