Quellenkunde
Gebiete zu gelangen. Nichts darf als zu klein und un-
bedeutend beiseite gelassen werden, wenn es irgendwie
geeignet erscheint, ein Licht auf den Gegenstand unserer
Frage zu werfen. Wie man die Entwicklungsstufe und den
Höhestand der Ausbildung einer Wissenschaft zum großen
Teile an dem Umfang des Quellenkreises bemessen kann,
den sie in den Bereich ihrer Betrachtung zieht, so ist auch
der Umfang und das Maß der Quellenbenutzung ein Grad-
messer für den wissenschaftlichen Wert und Charakter
einer Arbeit.
Als Beispiel einer umfassenden Quellenbetrachtung kann die kurze
Übersicht der geschichtlichen Quellen dienen, wie sie z. B. von Bernheim
in seinem Lehrbuch geboten wird (p. 255—9). Von den zwei Klassen
der historischen Quellen, Überreste und Tradition, umfaßt die erstere
die Überreste im engeren Sinne, nämlich körperliche Reste, Sprache,
Zustände und Institutionen, Produkte, geschäftliche Akten, Briefe usw.
und Denkmäler, d. h. Inschriften, Monumente, Urkunden. Bei der Tra-
dition wird eine bildliche, mündliche und schriftliche unterschieden,
Die bildliche Tradition besteht aus historischen Gemälden, Skulpturen
und überhaupt bildlichen Darstellungen geschichtlicher Persönlichkeiten,
Örtlichkeiten und Begebenheiten. Zur mündlichen Tradition werden
Erzählungen, Sagen, Anekdoten, Sprichwörter, historische Lieder ge-
rechnet. Zur schriftlichen Tradition gehören Inschriften historischen
Inhalts, Kalender, Stammbäume und Genealogien, Annalen, Chroniken,
Memoiren, Biographien und alle anderen Arten von Geschichtsdarstel-
Jungen.
3. Mit dieser umfassenden Benutzung der Quellen muß
das Studium der gesamten einschlägigen Lite-
ratur verbunden werden. Insbesondere ist es von großer
Wichtigkeit, die unserem Thema zunächst liegende Spezial-
literatur durchzuarbeiten. Wenigstens die besseren Schriften
werden ‚reiche Ausbeute gewähren und Mühe und Zeit
vollauf lohnen. Man wird auf viele Quellen und Hilfs-
mittel aufmerksam, die auch für die eigene Arbeit von
Nutzen sein können, und findet dazu vielleicht noch manch
guten Wink für die Verarbeitung und Darstellung seines
Stoffes und selbst für die genauere und klarere Fassung
des Themas.
Es ist richtig, daß für Anfänger die Gefahr besteht, „ihr Studium
der eigentlichen Quelle durch das Zuziehen von fremden Bearbeitungen
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