Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

Das sprachliche Verständnis 1 
der einstigen Leser seiner Quelle stellen und darnach 
beurteilen, ob ein Wort oder ein Satz oder auch eine Er- 
zählung im eigentlichen oder übertragenen Sinne zu nehmen, 
und was überhaupt als eigentlicher Sinn festzuhalten ist. 
Denn nicht was ein heutiger Leser als eigentlichen Sinn 
empfindet, muß deshalb auch schon den Lesern früherer 
Jahrhunderte oder Jahrtausende als solcher erschienen sein. 
Leider nur zu oft werden so spätere Auffassungen in 
frühere Zeiten hineingetragen und falsche Auslegungen einer 
Quelle veranlaßt‘). 
f) Wie schon in dieser Hinsicht so kommt die Persön- 
lichkeit des Verfassers eines Textes bei der Bestimmung des 
allgemeinen Wortsinnes weiterhin auch wegen seines indi- 
viduellen Sprachgebrauches in Betracht. Freilich 
hat noch lange nicht jeder Schriftsteller seinen individuellen 
Stil und zu gewissen Zeiten mag ein vorherrschender For- 
malismus mehr als sonst die individuelle Färbung des Aus- 
drucks bei den einzelnen Autoren zurückdrängen, wie der 
„Stil von 1830“ in Frankreich. Es wird auch stets eine 
Sache von großer Schwierigkeit sein und viel Übung und 
Scharfblick erfordern, das sprachliche Privateigentum des 
einzelnen von dem zu sondern, was der ganzen Periode 
oder der besonderen Literaturgattung angehört, oder was 
er bewußt oder unbewußt von fremden Vorbildern erborgt 
hat. "Trotzdem darf diese Prüfung des individuellen 
Sprachgebrauches. und Stiles nicht unterlassen werden. 
Fortgesetzte Übung wird den Blick schärfen und das 
Auge für die Beobachtung der feinen Unterschiede em- 
pfänglich machen, denen die allgemeine Bedeutung eines 
Ausdruckes infolge der besonderen Eigenheiten eines Autors 
unterliegt. 
Hilfsmittel zur Bestimmung der allgemeinen Wortbedeutung sind 
zunächst die Grammatiken und Wörterbücher der verschiedenen Sprachen 
sowie die philologischen Handbücher und Grundrisse von J. Müller für 
die klassische Altertumswissenschaft, H. Paul für die germanische Phi- 
lologie, G. Gröber für die romanische Philologie, C. Bühler für die 
') Bemerkung von J. Overmans. 
19°
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.