Das sprachliche Verständnis 133
lichen Hilfsmittel sollen nur Wegweiser zu den Quellen sein, in denen
wir die angeführten Zitate und Beweise für die Bedeutung eines Wortes
selbständig nachzuprüfen haben. „Nisi videro . . ., non credam“.
2. Mit der allgemeinen Wortbedeutung ist der Sinn
eines Satzes oder eines Ausdruckes auch nach seiner sprach-
lichen Seite hin in vielen Fällen noch längst nicht hin-
reichend festgestellt. Für eine bestimmte Quelle und einen
gegebenen Text müssen wir ferner wissen, welche von den
verschiedenen möglichen Bedeutungen hier zutrifft und fest-
zuhalten ist. Die Bestimmung dieses besonderen
Wortsinnes an einer gegebenen Stelle ist das
zweite Erfordernis für das sprachliche Verständnis eines
Textes.
a) Für die Erkenntnis dieses Wortsinnes ist es vor allem
wichtig, auf den näheren und entfernteren Zu-
sammenhang eines Satzes zu achten. Schon die alten
Schriftsteller und Erklärer heben diese Notwendigkeit der
Beachtung des Kontextes häufig hervor. „Prudentem semper
admoneo lectorem“, bemerkt der hl. Hieronymus, „ut non
superstitiosis acquiescat interpretationibus et quae comma-
tice pro fingentium dicuntur arbitrio, sed consideret priora,
media et sequentia et nectat sibi universa quae scripta sunt“ ').
Dabei ist a) zunächst auf den grammatischen
Kontext zu achten, den man in jedem Text anzunehmen
hat, solange nicht ein Anakoluth klar bewiesen ist.
„ ß) Der logische Zusammenhang kann sodann neues
Licht über den Gedankengang einer Stelle verbreiten.
Y) Wo ein solcher scheinbar nicht vorhanden ist, wird
man den psychologischen Kontext zu untersuchen
haben, der nicht selten die Verbindung der Gedanken
und Sätze aus den seelischen Bewegungen und Eindrücken
des Sprechenden zu erklären geeignet ist. Für gewöhn-
lich wird diese allseitige Beachtung des Zusammen-
hanges vom größten Wert für die Bestimmung des rich-
tigen Wortsinnes sein.
') S. Hieronymus, In Matih. 25, 13. (Migne, P. L. 26, 193 B).
Vgl. R. Cornely, Introductio 1° 585. 587.
Fonck, Wissenschaftliches. Arbeiten. 3. Aufl.
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