Das inhaltliche Verständnis A}
2. Neben dieser persönlichen Seite ist sodann für das
inhaltliche Verständnis des Textes auch das sachliche
Moment vorzüglich zu beachten.
a) Schon hinsichtlich der Persönlichkeit des Schriftstellers
spielt freilich der sachliche Hintergrund, die äußeren Ver-
hältnisse seiner Zeit, seines Volkes und Landes eine große
Rolle. Alles dieses, was man seit Taine und Comte als
Milieu, als Umwelt oder Außenwelt. des Schriftstellers zu
bezeichnen pflegt, ist im Bezug auf die Person des Autors
insoferne von Bedeutung, als es eine Einwirkung auf seine
Individualität ausübt und in seiner Auffassungs- und Aus-
drucksweise sich geltend macht. Für die theoretische Be-
trachtung ist davon aber die Behandlung der sachlichen
Momente zu trennen, insoweit sie in einem Texte erwähnt
oder angedeutet oder vorausgesetzt werden. Unter dieser
Rücksicht liegt die Notwendigkeit noch viel klarer zu Tage,
jene äußeren Tatsachen und Verhältnisse sorgfältig zu be-
achten, nicht bloß um die Individualität eines Autors zu
begreifen, sondern auch um den Inhalt seiner Schriften
zu verstehen.
6) Die Anforderungen, welche diese sachliche Seite an
die Auslegung stellt, können wir mit Bernheim dahin zu-
sammenfassen, daß „der Forscher die Verhältnisse von Zeit
und Ort womöglich so kennen muß wie der einstige Leser
oder Leserkreis, an welchen der Autor sich als an sein
Publikum wandte“!). Ähnlich spricht schon Johann Jakob
Wetstein, auf den E. Cornely hinweist (Introductio 1?589),
die gleiche Forderung mit Bezug auf die Auslegung des
Neuen Testamentes aus: „Si libros Novi Testamenti pla-
nius et plenius intellegere cupis, indue personam illorum,
quibus primum ad legendum ab Apostolis traditi fuerunt;
transfer te cogitatione in illud tempus et in illam regionem,
ubi primum leeti sunt: cura ut, quantum fieri potest, il-
lorum hominum ritus, mores, consuetudines, opiniones, sen-
tentias receptas, proverbia, parabolas, sermones quotidianos,
‘) E. Bernheim, Lehrbuch® £ 38.
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