% Die Beurteilung der Quellen
längst nicht immer die zuverlässigeren Textzeugen, weil
eine jüngere Handschrift auf eine bessere Vorlage zurück-
gehen und von einem zuverlässigerem Schreiber stammen
kann als eine ältere.
Zugleich mit den eigentlichen Handschriften verdient auch das
sonstige ungedruckte Material Beachtung, das sich oft im Nach-
laß verstorbener Forscher finden und wertvolle Dienste leisten kann.
Vgl. 0. Stählin, Editionstechnik 402,
Das Aufsuchen der Handschriften ist durch die Kataloge
der Bibliotheken und die Verzeichnisse der vorhandenen Bücher- und
Handschriftensammlungen bedeutend erleichtert. Die wichtigeren Kata-
loge sind in der Bibliographie im ersten Anhang aufgeführt.
Für das Kollationieren und Sichten der Handschriften
wird man am besten ausgiebigen Gebrauch von der Photographie machen.
In den meisten größeren Bibliotheken ist es verhältnismäßig leicht und
auch nicht sehr kostspielig, gute Weiß-schwarz-kopien (engl. rotary
prints) herstellen zu lassen, „das einzige Mittel, um ein absolut zuver-
lässiges, bequem benützbares und zu jeder Zeit zur Revision und Kon-
trolle zugängliches Material zu gewinnen“!).
Doch wird man sich in zweifelhaften Fällen, und wo viele Hand-
schriften zu untersuchen sind, zuvörderst durch die Photographie der
einen oder anderen Probeseite oder auch durch eine Probekollation
einer Anzahl charakteristischer Stellen ein Urteil über den Wert oder
Unwert einer Handschrift zu bilden suchen.
Für die Arbeit der Kollationierung selbst ist die größte Sorgfalt
und Genauigkeit erforderlich. Als Vorlage muß wo möglich stets die
gleiche Textgestalt genommen werden; die Zeilen der Vorlage wie jedes
Kollationsexemplares sind zu zählen, um darnach die Varianten zu
bezeichnen. Wenn man Mitarbeiter für die Kollationierung benützen
muß, wird man darauf zu achten haben, daß sie nach derselben Vor-
” K. Krumbacher, Miszellen zu Romanos 76. Vgl. ders., Die
Photographie im Dienste der Geisteswissenschaften. Leipzig 1906 (Neue
Jahrbücher 17 [1903] 601—58) und O0. Stählin, Editionstechnik 404 f.
— „Die vatikanische Bibliothek ist längst mit einem wahrhaft groß-
artigen Beispiele von Liberalität vorangegangen“ in Vermittlung von
billigen Photographien ihrer Handschriften (Krumbacher, Miszellen
77). Für die Bodleiana in Oxford wende man sich an Mr. Horace Hart,
M. A., University Press, Oxford. Für Londoner Manuskripte gibt Stühlin
(aaO.) die Adresse der photographischen Firma Donald Macbeih, 66,
Ludgate Hill, London E. C.; für Cambridge: Mr. W. F. Dunn, University
Library, Cambridge; für Wien: Photographische Anstalt S. Schramm,
Wien V, Stolberggasse 9.
10