Hilfsmittel; Äußere Textzeugen
rücksichtigt werden. Ihr Abhängigkeits- und Verwandtschafts-
verhältnis kann zuweilen an äußeren Merkmalen erkannt
werden, zB. an der Schrift, dem Schreibmaterial, auch wohl
aus direkten Nachrichten über die Entstehung einer Hand-
schrift oder über die Lebensverhäitnisse des Übersetzers
oder Kommentators oder des zitierenden Schriftstellers. In
der Regel ist man aber besonders bei den Handschriften
auf innere Kriterien angewiesen. Charakteristische Kenn-
zeichen sind auffallende übereinstimmende Lesarten und
mehr noch gemeinsame Lücken und Fehler. Bei sorgfältiger
Vergleichung und Abwägung aller Momente läßt sich dann
in manchen Fällen mit Sicherheit oder doch mit hinrei-
chender Wahrscheinlichkeit der Stammbaum oder das Stemma
der Textzeugen herstellen.
Oft wird es aber auch unmöglich sein, ein solches
Stemma aufzustellen, besonders wenn es sich um sehr zahl-
reiche Zeugen handelt. Man wird sich dann damit begnügen
müssen, die Zeugen nach ihrer Zusammengehörigkeit in
Familien zu gruppieren.
Am einfachsten liegt die Sache, wenn sich alle Zeugen
auf eine noch vorhandene Quelle zurückführen lassen;
die abgeleiteten Zeugen können dann neben dieser Quelle
keinen Anspruch auf selbständigen Wert erheben. Ist die
gemeinsame Quelle verloren oder nicht bekannt, so muß
der Stammbaum oder die Gruppierung zeigen, welche von
den : vorhandenen Zeugen dem ursprünglichen Texte am
nächsten stehen und wie man mit Hilfe derselben womöglich
zur Herstellung dieses Urtextes gelangen kann.
Ein schematisches Beispiel eines einfachen Stemmas kann zur Er-
läuterung des Gesagten dienen. Von sechs Textzeugen a, b, c, d, e, f
erweisen sich durch Vergleich der Lesarten, hauptsächlich der Zusätze,
Lücken und Fehler, der Übereinstimmungen und der Unterschiede die
beiden ersten a und b als aus der gemeinsamen Quelle v stammend;
ebenso bilden c, d und e eine Gruppe, die aus der Quelle w_ abgeleitet
ist, während f sich als eine Abschrift von y herausstellt, Durch Ver-
gleich der Gruppen untereinander ergibt sich wiederum die Zuge-
hörigkeit von v und w zu einem gemeinsamen Stamme x, mit welchem
y von der Wurzel z ausgeht. In Form: eines Stammbaumes würde
dieses einfache Verhältnis in folgender Weise dargestellt werden:
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