Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

215 Die Beurteilung der Quellen 
Phraseologie jedes Schriftstellers Ererbtes und Eigenes, Gemeinübliches 
und Freierfundenes strengstens zu unterscheiden“. Denn abgesehen von 
gewissen charakteristischen Ausdrücken sind die Konstruktionsverhält- 
nisse und stilistischen Erscheinungen zu allen Zeiten und bei jedem 
Autor, und am allermeisten bei Männern mit stark ausgeprägter Indi- 
vidualität, so sehr abhängig vom Gegenstand und Zweck der Darstellung, 
von dem Alter, der Disposition und der freien Entscheidung des ein. 
zelnen, daß auch die genauesten statistischen Berechnungen zu einer 
solchen strengsten Unterscheidung kaum jemals hinreichen werden 
(vgl. Ch. de Smedt, Prineipes 91 f). 
Wenn eine solche strenge Scheidung selbst in der eigenen Mutter- 
sprache ihre Schwierigkeiten hat, so muß es umsomehr als ein un- 
sicheres Wagestück bezeichnet werden, in alten Texten einer toten 
Sprache die einzelnen Abschnitte, ja selbst kleine Sätze und Satzteile 
hauptsächlich nach dem Sprachcharakter einer Reihe von verschiedenen 
Autoren zuweisen zu wollen. 
2. Der Inhalt einer Schrift kann in dreifacher Weise 
ein Kriterium für die Beurteilung bieten. 
a) Zunächst werden uns schon im allgemeinen die 
Anschauungen, Interessen und Bestrebungen, die im Text 
ihren Ausdruck finden, auf gewisse Zeiten, Gegenden und 
Personen hinweisen können, für die sie besonders passen. 
Sie können auch zu Zweifeln über die Unverfälschtheit des 
Textes Anlaß geben, wenn sie mit anderen feststehenden 
Tatsachen nicht übereinstimmen, und ebenso ein Prüfstein 
für die Zuverlässigkeit des Schriftstellers und die Richtigkeit 
seiner Darstellung sein. 
b) Im besonderen werden dann einzelne Angaben des 
Textes über Ereignisse, Personen, Einrichtungen, gelegent- 
liche Zeitbestimmungen u. dgl. willkommenes Material zur 
Prüfung und zum Vergleich mit anderen Quellen bieten 
und so ein allseitig begründetes Urteil über .den Text er- 
möglichen. Wäre zB. in einem angeblichen Briefe 
Napoleons I. vom Telephon die Rede, oder in einem frag- 
lichen Aktenstück des 18. Jahrhunderts von der Eisenbahn, 
so müßte man notwendig schließen, das Schriftstück sei 
entweder unecht oder interpoliert. 
c) Endlich wird die Vergleichung des Inhaltes eines 
Textes mit anderen Schriften, die zitiert, nachgeahmt oder 
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