Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

Entstehung und Echtheit des Textes 271 
schrieben wird. So hat man zB. längst aus inneren Grün- 
den erkannt, daß die Homilia de Assumptione B. M. V. 
fälschlich dem hl. Hieronymus zugeschrieben wird, daß sie 
überhaupt nicht dem 4. oder 5., sondern erst dem 8. oder 
9, Jahrhundert angehört. 
Bei sorgfältiger Prüfung der inneren Kriterien und 
gleichzeitiger Berücksichtigung‘ der äußeren Textzeugen ge- 
lingt es nicht selten, auch in sehr dunkle und verwickelte 
Fragen Licht zu bringen und sie einer endgültigen Lösung 
entgegenzuführen. 
Als Beispiele solcher Lösungen aus der letzten Zeit seien genannt: 
Josef Stiglmayr, Das Aufkommen der Pseudo-Dionysischen Schriften und 
ihr Eindringen in die christliche Literatur bis zum Lateranconcil 649. 
Feldkirch 1895 (Gymnasial-Programm). Die Schrift erbringt den Nach- 
weis, der auch unabhängig von Stiglmayr durch Hugo Koch gleichzeitig 
geführt wurde, daß in dem Werke „De divinis nominibus“ das Buch 
des Neuplatonikers Proklos (411—85) „De malorum subsistentia“ be- 
nutzt und exzerpiert wurde und daß deshalb dieses Werk und die mit 
ihm zusammenhängenden sogenannten Dionysischen Schriften nicht von 
Dionysius Areopagita geschrieben sein können. — Franz Diekamp be- 
handelt in seiner Arbeit „Hippolytos von Theben. Texte und Unter 
suchungen“ (Münster 1898) in gleich gründlicher Weise die Entstehung 
der Schriften des Hippolyt von Theben, die nach seinen Ausführungen 
der Zeit von 650—750, und zwar eher der zweiten als der ersten Hälfte 
dieser Periode, angehören, — Adolf Harnack gelangt in seiner Schrift 
„Lukas der Arzt, der Verfasser des dritten Evangeliums und der 
Apostelgeschichte“ (Leipzig 1906) (Beiträge zur Einleitung in das Neue 
Testament 1) zu dem Ergebnis, daß zwischen den sogenannten „Wir- 
berichten“ der Apostelgeschichte und dem ganzen übrigen Werke mit 
Einschluß des Evangeliums eine vollkommene sprachliche Einheit und 
ebenso eine volle Übereinstimmung in den Absichten, Mitteln, An- 
schauungen und dem ganzen geistigen Gesichtskreis besteht und daß 
deshalb die Tradition mit der Annahme eines einzigen Verfassers des 
Werkes im Rechte ist. Die weitere traditionelle Meinung, daß dieser 
Verfasser Lukas der Arzt aus Antiochien gewesen sei, wird ebenfalls 
durch die kritische Untersuchung bestätigt. — Die Streitfrage über 
Kommodian von Gaza dürfte durch die Untersuchungen von Heinrich 
Brewer „Kommodian von Gaza. Ein Arelatensischer Laiendichter aus 
der Mitte des fünften Jahrhunderts“ (Paderborn 1906) (Forschungen 
zur christlichen Literatur- und Dogmengeschichte 6 1 und 2) eine 
wahrscheinliche Lösung gefunden haben, obwohl es nicht an Wider- 
spruch gefehlt hat. 
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