255 Die Beurteilung der Quellen
betont Einst Bernheim vorzüglich zwei psychologische Erfahrungssätze :
„erstens, wenn zwei oder mehrere Menschen dasselbe noch so einfache
Ereignis, geschweige denn einen ganzen Komplex von Ereignissen er-
leben und auffassen, so fassen sie nie alle Momente desselben in ganz
gleicher Weise auf, geben also, wenn sie dasselbe berichten, nie alle
Momente in ganz gleicher Weise wieder; zweitens, wenn zwei oder
mehrere Menschen selbständig denselben Vorstellungsinhalt zu sprach-
lichem Ausdruck bringen, so geschieht das nie in ganz gleicher Form
(abgesehen von formelhaften Wendungen, die gar kein selbständiger
Vorstellungs- und Gedankenausdruck sind)“ (Lehrbuch® 414 f). Die
beiden Sätze sind im allgemeinen sicherlich berechtigt und können bei
der Quellenanalyse mit Nutzen verwendet werden. Auch der Schluß,
den Bernheim daraus zieht, ist ganz berechtigt: „Wenn zwei oder mehrere
Quellen dieselben Tatsachen in gleicher oder annähernd gleicher Form
berichten (abgesehen von formelhaften Wendungen), so sind diese Be-
richte nicht unabhängig voneinander konzipiert, sondern hängen in
irgendeiner Weise miteinander zusammen“ (ebd. 415). Die Worte müssen
nur in dem richtigen Sinne verstanden werden, wie Bernheim sie ver-
standen wissen will, daß nämlich der Zusammenhang zwischen den
Berichten nicht ausschließlich durch schriftliche Quellen, sondern auch
durch mündliche Tradition hergestsellt sein kann. Es ist dies zB. für
die richtige Lösung der synoptischen Frage über die Abhängigkeitsver-
hällnisse der drei ersten Evangelien besonders zu beachten. Für dieselbe
verdient jene Annahme wenigstens volle Berücksichtigung, welche die
weitgehende sachliche und formelle Übereinstimmung der synoptischen
Berichte nicht so sehr aus dem unmitlielbaren Zusammenhang und der
Abhängigkeit der schriftlichen Quellen voneinander, als vielmehr aus
der langjährigen mündlichen apostolischen Heilsverkündigung herleitet,
wenngleich diese mündliche Überlieferung allein zu einer befriedigen-
den Lösung nicht hinreicht.
d) Ein ferneres wichtiges Kriterium ergibt sich aus der
Prüfung der Einzelangaben des Inhaltes eines Textes.
In der Regel wird wenigstens für viele dieser Angaben ein
Vergleich mit anderen Quellen möglich sein, soweit es sich
um mehrfach bezeugte Tatsachen handelt. Erweist sich
bei dieser Prüfung ein Text im allgemeinen als zuverlässig,
so darf man ihn auch für gewöhnlich hinsichtlich solcher
Angahen als zuverlässig und glaubwürdig betrachten, die
sich auf nur einmal bezeugte und nicht kontrollierbare "T’at-
sachen beziehen. Doch ist hier wie sonst eine sorgfältige
Erwägung aller Umstände und der Vergleich des Zusam-
menhanges der Angaben mit den anderweitig bekannten
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