138 Zweiter Teil. Handel. VI. Handlungsgehilfe und Handlungslehrling.
möchten; leiste ihnen, was du von ihnen forderst; ertrage schonend, was sie dir nach
sehen sollen; achte das Ihrige; halte ihre Ehre heilig.
Wer nur gerecht ist, wird hart; wer nur natürlich ist, wird roh. Sei gerecht und
billig, natürlich und gesittet.
Verdienstliche Handlungen erwerben Achtung. Liebe ist der Bescheidenheit
Lohn; Heuchelei ist falsche Münze; Wahrheit ist echtes Gold. Auf krummen Wegen
gehest du krumm; du gleitest auf schlüpfrigen. Geradheit ist des Mannes Zier. Ein
Plauderer ist ein alberner Dieb; er entwendet, indem er verschwendet. Ein Ver
leumder ist ein Ehrenräuber. Mitwisser und Hehler eines Verbrechens sein, ist eine
Missetat.
Die Gemeinheit neigt zur Gemeinheit; so erkennt man aus deinem Umgang
deinen Sinn. Böse Gesellschaften verderben gute Sitten; darum suche nur die auf,
die du höher achtest als dich, und mache, daß die Guten dich suchen.
Um dir Menschenkenntnis zu erwerben, lerne dich selbst erst kennen. Willst du
frei sein, beherrsche dich selbst. Willst du immer genug haben, lerne entbehren. Willst
du gebieten, lerne gehorchen.
Beharrlichkeit übt sich an Hindernissen. Hältst du die Zeit zu Rate, so hast du
Zeit; suche nicht bloß zu erwerben, sondern auch zu erhalten; erspart ist erworben.
Ordnung ist halbe Arbeit. Nicht vom Augenblick erwarte des Fleißes Lohn;
im Frühling hält niemand Ernte. Auf gerechtem Gute ruhet Segen. Liebe zur
Wahrheit ist Liebe zur Tugend. Tugend aber, mit Geschicklichkeit und Kenntnissen,
ist das Kapital, welches in sich selbst das Unterpfand seiner Sicherheit trägt, Achtung
erwirbt und Zutrauen erweckt und so für diese, wie für jene Welt die reichsten Zinsen
bringt.
Sammle daran in deinen Lehrjahren, damit du nicht in geistiger Armut und
sittlicher Blöße deine Wanderjahre antreten mußt.
II.
Nicht wie eine Wissenschaft allein, nicht wie eine Kunst allein, nicht wie ein
Handwerk allein lernt man die Handlung. Sie legt mechanische Verrichtungen auf;
— nur durch Übung erwirbst du Fertigkeit darin, nur durch Gewöhnung erhältst du
die Lust dazu. Sie fordert wissenschaftliche Kenntnisse; — nur durch fleißiges Lernen
erlangst du dieselben. Sie setzt reiche Erfahrung und reife Urteilskraft voraus; —
beides verschaffst du dir nur durch Umgang mit Menschen aus allen Ständen, auf
merksame Beobachtung und sorgfältige Behandlung der verschiedenartigsten Gegen
stände. — Aber vor allem macht sie feine Sitten und feste Tugend zur Pflicht, die
Früchte langer Gewohnheit und Selbstbeobachtung.
Um zu jenen angehalten zu werden und diese dir zu erwerben, bist du in der
Lehre.
Da bleiben wenig Stunden dir zum freien Gebrauche übrig, und so wird die
Benutzung der Zeit zum Gesetze der Notwendigkeit.
Arbeitsamkeit wird zur Gewohnheit nur durch anhaltende Arbeit.
Häuslichkeit lernt derjenige liebgewinnen, der sich lange Zeit ununterbrochen
im Hause hat beschäftigen müssen.
Wiederholung derselben Verrichtung, derselben Beobachtung, derselben Lern
übung führt zur Gründlichkeit.
Die Strenge ist die Lehrerin der Ordnung und diese die Seele der Geschäfte,
da am unentbehrlichsten, wo die Gegenstände am mannigfaltigsten sind.
Sparsamkeit lehrt der Kleinhandel; denn er ist die letzte Hand, die das Ganze
verteilt und das einzelne zu einem Ganzen vereinigt. Du lernst da den Pfennig